S.Fischer 2016
S.Fischer 2016

Adrien Bosc - Morgen früh in New York

 

Die Menschen nahe rücken

 

Der Titel des Buches wird für die 37 Passagiere und 11 Besatzungsmitglieder der Lockheed Constellation F-BAZN am 27.10.1949 nur ein Wunsch bleiben.

 

Alles Insassen der Maschine sterben bei einem Absturz.

 

Wobei Edith und Philip Newton, wie auch Mrs. Erdmann mehr als glücklich sein werden, kurzfristig aus dem Flug „ausgebootet“ worden zu sein. Weil Edith Piaf ihrem Lebensgefährten, dem Boxer Marcel Cerdan, keine Ruhe gelassen hat. So dass dieser, statt einige Tage später in Ruhe mit dem Schiff, sich nun an Bord der Maschine befindet, um schnell bei „seiner Edith“ zu sein.

 

Ein Entschluss, ein Drängen mit mit Folgen auch für die Sängerin, der ihr Zeit ihres Lebens nachgehen wird.

 

Doch auch wenn dieser Flug als „Flug der Stars“ bekannt werden wird (neben Celan ist auch die damals weltberühmte Geigerin Ginette Neveu mit an Bord und einige ander bekannte Menschen aus Wirtschaft und Kunst), und auch wenn Bosc diesen beiden Personen durchaus breiten Platz im Buch einräumt, in diesen biographischen Miniaturen, wie man den Roman auch bezeichnen könnte, geht es um alle jene, die nicht in New York ankamen.

 

Denn neben den Ereignissen des Fluges selbst, neben den lockeren Sprüchen zwischen Cerdan und seinem Manager Jo Longmann nimmt Adrien Bosc ruhig, empathisch und sehr gründlich die Lebensgeschichten, die Persönlichkeiten der Menschen im Flugzeug in den Blick.

 

Vom Piloten Jean de La NoUe angefangen hin zu Amélie Ringler, die kkurz zuvor noch Spulerin in einer Textilfirma war hin zu jenen fünf baskischen Hirten (vier Männer und eine Frau), die „emigrieren, um sich später in ihrem Tal erneut niederzulassen“, über den Boxchampion hin zu den anderen, meist nicht armen Passagieren an Bord.

 

„Tote zu Wort kommen zu lassen, Tische zu bewegen und Seelen herbeizurufen, um ihnen ein letztes Geheimnis zu entlocken“.

 

Das ist der Weg, de Bosc mit leichter Hand beschreitet, auf dem sie immer wieder die Umstände des Unglücks und das „Danach“ der Trauerfeiern und der Reaktionen der Welt mit einfließen lässt.

 

Dies alles in einer sehr flüssigen, sehr klaren Sprache, so dass das Buch sich leicht und gut lesen lässt. Mancherorts wäre dennoch eine Vertiefung der einzelnen Personen wünschenswert gewesen, auch verbleibt die Lektüre eher betrachtend, der Leser wird nicht wirklich mit in das Unglück, die Ereignisse, in das Lebend er einzelnen Personen mit hineingezogen, einiges an eigenständiger „Gefühlsarbeit“ ist zu leisten, die Bosc dem Leser nicht abnimmt.

 

Dennoch ist diese Rekonstruktion von Absturz, Tod, „Lebensverbindungen“ der Insassen und Reaktionen der Hinterbliebenen durchweg interessant zu lesen.

 

 

 

M.Lehmann-Pape 2016