Riemann 2014
Riemann 2014

Agnieszka Kowaluk – Du bist so deutsch

 

Humorvoller Blick auf sichtbare Dinge des Seins

 

Unschwer lässt sich am Namen der Autorin bereits erkennen, dass ihre Wurzeln nicht unbedingt an ihrem aktuellen Wohnort München zu finden sind.

 

In Polen geboren, in Polen und Deutschland studiert, der polnischen Literatur verbunden, so kann man sagen, da ist eine, die ihre Augen (und Wurzeln) in beiden Ländern und Kulturen hat.

 

Gewürzt mit einem sehr humorvollen, dabei aber unaufdringlichen Stil der Darstellung, nimmt die Autorin den Leser mit auf eine intensive Betrachtung erfahrbarer, sichtbarer, tatsächlich vorhandener „deutscher Eigenarten“.

Bei dem so manches zwar wie ein Vorurteil klingen könnte, wie ein Klischee daherkommt, aber auch Vorurteile und Klischees haben ihren Ursprung ja in Ereignissen der Realität.

 

„Früher oder später sieht sich jeder Ausländer mit der deutschen Ordnungsliebe konfrontiert. Schon die bunten Felder, die man beim Anflug ….. entdeckt, sehen anders aus als in anderen Gegenden der Welt – sogar die Landschaft in Deutschland ist ordentlicher“.

 

Das könnte man auch unter dem Stichwort „Effizienz“ verbuchen (man weiß eben, wie man Felder bestmöglich anzulegen hat), aber wie man es dreht und wendet, die Beobachtung an sich stimmt ja, ist leicht für jeden nachzuvollziehen. Wie auch bei den anderen Themen, die im Buch betrachtet werden.

 

Wobei Kowalnuk solche Beobachtungen nicht verballhornt, sondern mit Humor und intellektueller Tiefe ernsthaft beschreibt und einordnet und dabei durchaus immer wieder erwähnt, wie ehemals „belächelte“ Eigenarten von außen mittlerweile als durchaus nachahmenswert betrachtet werden.

 

Von der Sauberkeit der Innenstädte bis zum (meist) reibungslos funktionierenden Winterdienst auf deutschen Straßen führt Kowlanuk den Leser dann aber auch an die „Schattenseiten“ dieser „Ordnung“ heran. Wie schnell Unruhe aufkommt oder Abläufe ernsthaft durcheinander geraten, wenn Dinge eben mal nicht so effizient funktionieren, der Schnee zu viel wird, ein ICE liegen bleibt. Das „Chaos des Lebens“ eben, mit dem andere Kulturen einen wesentlich entspannteren Umgang pflegen (da dort viel häufiger zu erleben). Und hier und da doch auch ein Mangel an Humor (wenn es ernst wird) im „deutschen Getriebe“ festzustellen ist.

 

Dieser ständige Versuch des „Zügelns des Aberwitzes der menschlichen Existenz“, die Grundhaltung des „Ordnung ins Chaos bringen“, das ist natürlich nur ein Schwerpunkt, ein Aspekt des „Lebens in Deutschland“, den Kowaluk vor Augen führt und mit vielen Beispielen illustriert auf den Punkt bringt.

 

Die „deutsche Küche“ (Kraut und Rüben stehen da durchaus noch im Blickfeld), das Verhältnis zur Arbeit (der Deutsche „kann es“, der „Pole hält es aus“, mit einem breiten, auch literarischen, Exkurs zur Entwicklung des Kapitalismus in Polen und der sich in Deutschland (mehr als z.B. in Polen) entwickelnden Haltung des sich „nicht völlig vereinnahmen lassen“), bis hin zur (ebenfalls sich allmählich entfaltenden) Weltoffenheit Deutschlands (immer wieder mit Aussetzers) und vielfachen anderen „Grundthemen des öffentlichen Lebens“ zieht Kowaluk ihre nachvollziehbaren und durchaus mit Tiefe versehenen Vergleiche vor allem zwischen Polen und Deutschland.

 

So steht am Ende der Lektüre ein „Wissen um Tugenden“, die vielleicht noch gar nicht breit genug in den eigenen Blick gerückt sind , ein Wissen auch um „die andere Seite“ (hier die polnische) und deren Blick auf sich und Deutschland und, natürlich, auch so manches nachdenkliche, wo ein wenig mehr lockerlassen oder ein Mehr an Interesse für „den Anderen und den Fremden“ gut zu Gesicht stehen würde.

 

In flüssiger Sprache ohne oberflächlich Themen nur zu streifen bietet Kowaluk einen reflektierten, mit Humor gewürzten Blick auf das Leben in Deutschland (und in Polen) der Gegenwart, das nicht unbedingt überraschend neue Erkenntnisse in sich trägt, wohl aber so manches an Vorhandenem vertieft und neu in den Blick rückt. Und vielleicht sogar zu ein wenig mehr Gelassenheit mit der „tragbaren Zeit“ führen könnte.

 

Eine empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014