C.H.Beck 2016
C.H.Beck 2016

Alastair Bonnett – Die seltsamsten Orte der Welt

 

Überraschend, interessant, informativ

 

Mures-Straße Nummer 4 in Bukarest. Ein schmutzigweißes, gerade einmal einstöckiges Bürogebäude. Wenn es jemanden überhaupt nach Bukarest verschlagen sollte, dann würde jeder Besucher der Stadt ohne jedes weitere Interesse an diesem Gebäude daran vorbeilaufen.

 

Aber einen zweiten Blick, eine genauere Inspektion ist es wert. Ein „Nicht-Ort“. Das bis Mai 2006 unter dem Codenamen „Bright-Light“ in Geheimdienstkreisen bekannt war und als Verhör- und Internierungszentrum diente. Ein verdeckter Stützpunkt im „Kampf gegen den Terror“, angeführt von der CIA.

 

Ein sehr konkreter, seltsamer, merkwürdiger Ort mit Geschichte, den Bonnet in seinem Buch in sachlich-nüchternem Ton (der dieses Buch grundlegend prägt), kenntnisreich und fundiert, dem Leser vorstellt.

 

Aber, wer aufgrund des Titels nun erwartet, ausschließlich solche geographischen, konkreten Orte im Buch vorzufinden, sieht sich schon im nächsten Kapitel eines Besseren belehrt (auch wenn natürlich der größte Teil der vorgestellten Orte recht konkret zu finden wären).

 

Denn ein ebenso „seltsamer Ort“ im Buch ist der „internationale Luftraum“, der nun wirklich nicht in Breiten- und Längengrad darstellbar ist.

 

„….und den Luftraum denken wir uns (in unserer terrazentrischen Veranlagung) zumeist nur als ein Nichts“.

 

Dem ist aber bei Weitem nicht so. So ist es in Großbritannien Teil des Rechtes, dass ein Grundstückskäufer ebenfalls die „Erde darunter und den Raum darüber“ mit erwirbt. Zudem gilt eine 12 Meilen Grenze auf das Meer hinaus als „nationaler Luftraum“ für jene Länder, die Küsten beherbergen. Der andere „Raum über der See“ aber ist tatsächlich „frei“, was immer das heißen mag. Überaus interessant ist dann, was und wie Bonnet diese „Freiheit“ benennt, beschreibt und darlegt.

 

„Freie Räumer“ wie ebenso auch jene „Niemandsländer“, von denen man im Vorfeld der Lektüre gar nicht geglaubt hätte, dass solche tatsächlich noch existieren. Aber dürfte man solche einfach in Besitz nehmen? Gilt da gar kein nationales Recht?

 

Und was hat es auf sich mit Verkehrsinseln?

„Könnte ich Anspruch auf diese Insel erheben, könnte ich inmitten des Getöses für dreißig Minuten zu einem Robinson Crusoe werden“?

 

Neben solchen eher abstrakten Überlegungen besucht der Leser an der Seite Bonnets Geisterstädte, den Berg Athos, Enklaven, einige „abtrünnige Nationen“, schwimmende Inseln und „vergängliche Orte“ wie ein Parkdeck in Los Angeles.

 

Kreativ, mit ganz anderem Blick, ernsthaft überlegend und nachforschend, so beschreibt Bonnet jene teils unwirklichen, teils als Ruinen vor sich hin stehenden, teils exotischen, teils ganz naheliegenden Orte. Getreu seiner eigenen Vorgabe an sich selbst, die „Besonderheit der Orte“ (aller Orte) nicht aus dem Blick zu verlieren, sich das genaue Hinschauen, das grundlegende Interesse, die ganz einfachen Fragen zunächst auch an alltäglich wirkende Orte zu bewahren.

 

 

Eine interessante, vielseitige, gut zu lesende Lektüre über eine „Reise an die Enden der Welt und auf die andere Seite der Straße, soweit wir eben gehen müssen, um dem Vertrauten und der Routine zu entkommen“.

 

M.Lehmann-Pape 2016