dva 2014
dva 2014

Alexander Neubacherer – Total beschränkt

 

Wider den „mündigen Bürger“

 

Der „mündige Bürger“ ist offiziell und theoretisch zumindest jenes Wesen, welches die Politik immer wieder als Zentrum ihres Denkens und notwendige Entwicklungsstufe für den Erhalt der Demokratie beschwört und zu fördern behauptet.

 

Andererseits, nicht erst durch die Lektüre dieses Buches, aber durchaus bestätigt durch die Gedanken und Fakten, die Neubacherer präsentiert, scheint die faktische Realität eher einem strengen Elternhaus oder einem rigide geführten Internat zu entsprechen.

 

Von allen Seiten her nämlich erlebt der „mündige Bürger“ politische und gesetzliche Einschränkungen, bei denen das alte Schild „Betreten verboten“ fast als Ausbund einer liberalen Gesellschaft wirkt und bei denen weniger an „Leitplanken“ gedacht wird (als möglichst weite Rahmungen für ein gesellschaftliches Leben) sondern an Gitterstäbe, die den Bewegungsfreiraum des einzelnen doch spürbar beginnen, einzuschränken.

 

Dabei glaubt nicht nur der Nationalstaat, besser zu wissen, was gut für seine Bürger ist und was eben nicht, sondern auch das europäische Parlament und die dazugehörige Kommission regelt munter drauf los.

 

Aktuell in Fragen energiesparender Staubsauger, zuvor in Bezug auf Energiesparlampen, was je nur die Spitze eines riesigen Eisberges an Verordnungen und Rahmungen für das individuelle Leben darstellt.

 

Zwar gab es beim berühmt-berüchtigten „Veggie-Day“ der Grünen vor der letzten Bundestagswahl dann doch eine klare Positionierung des „mündigen Bürgers“ mit entsprechenden Prozentabzügen bei der Wahl für die Partei, andererseits ist ein solches „Veggie-Day-Denken“ nicht als Verirrung zu sehen, sondern im Kern Ausdruck des Denkens und Handelns „des Staates“, mithin der verantwortlichen Politiker und politischen Kräfte.

 

Vielfach sind dabei die Geschichten und Felder, auf die Neubacherer den Blick lenkt. Vom ausrangieren ausgestopfter Tiere an Schulen (Arsen-Gefahr) oder das „Sport-Buggy-Verbot“ in Berlin wegen „Stolpergefahr“, wie auch das Verbot von E-Zigaretten jener Sorte, die keine Form des Rauches entwickeln. Seitenweise finden sich dem rationalen Verstand kaum zugängliche Einschränkungen und Verordnungen im Buch, die vor allem eines aufweisen:

 

Das dahinter stehende Menschenbild geht von einer Unfähigkeit des „normalen Bürgers“ aus, sich in diesem Leben weitgehend in eigener Verantwortung und selbständig zurecht zu finden.

 

„Sicherheitsstaat“, „Enthaltsamkeitsstaat“, „Sittlichkeitsstaat“, „Kontrollstaat“, „sanfter Paternalismus“, das sind die großen Stichwörter, unter denen Neubacher seine Sicht auf die moderne Gesellschaft überzeugend mit Fakten unterlegt und Seite für Seite die Augen über ein vorher kaum geahntes Ausmaß des Versuches der Gängelung staatlicherseits öffnet.

 

„Im 18. Jahrhundert war es üblich, Kindern ein Gängelband anzulegen……. Im Jahr 19814 forderte….Immanuel Kant den Aufbruch des Menschen aus dessen selbstverschuldeter Unmündigkeit“.

 

Angesichts der Realität der Gegenwart, im Rückblick auf die Aufbruch Stimmung aus der Enge der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts heraus kann man Neubacher weitgehend nur zustimmen, wenn er konstatiert:

 

„Das Pendel schlägt jetzt, 230 Jahre später, zurück“.

 

Wobei Neubacher den Leser in bester Weise weder nur mit der (übrigens auch unterhaltsam zu lesenden) Analyse zurücklässt, noch am Ende den Fehler begeht, ein „Alternativprogramm“ nun dem Leser seinerseits als der Weisheit letzter Schluss aufzudrängen. Sehr konstruktiv und zur eigenen Reflexion stark anregend liest sich, was Neubacher unter dem „guten Staat“ versteht, wie „weniger Beschränkungen“ auch „weniger Beschränkte“ hervorbringen werden und wie das „Ich“ wieder in die freie und verantwortliche Entscheidung über die meisten Dinge des individuellen Lebens einzutreten hat. Und sei es um den Preis, sich „beim Staat“ durch Widerstand unbeliebt zu machen.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte, teils aufrüttelnde Lektüre, die in der Analyse vielfaches Kopfschütteln über surreale Verbote mit sich bringt und im Ausblick deutliche Motivation zur eigenen Freiheit der Entscheidung hinterlässt.

 

M.Lehmann-Pape 2014