Piper 2016
Piper 2016

Alexandra Senfft – Der lange Schatten der Täter

 

Nahgehende Schicksale

 

Es sind nicht nur die Opfer expliziter Täter, die gesamte nach dem Krieg aufgewachsene Generation sah sich einem weiten Teil durch Kriegserlebnisse traumatisierter Männer und Frauen gegenüber. Erlebnisse, Traumata, die in die Erziehung einflossen, die für so manches „männliche Schweigen“, für so manche Härte an Erziehung verantwortlich waren.

 

„Nur weil die Ursachen fortbestehen, wird sein Bann bis heute nicht gebrochen“ (Adorno“.

 

Und daher gilt auch was Senfft formuliert: „So vorbildhaft die NS Zeit in Deutschland akademisch und politisch bearbeitet wurde, so wenig ist sie bis heute im Privatem aufgeklärt“.

 

Was Senfft als Arbeitsauftrag für ihr Buch zu Grunde legt und dem sie mit vielfachen Beispielen in Ruhe, emotional dicht und empathisch Umgeht.

 

Ein Buch, wichtig gerade jetzt, wo die letzten Zeitzeugen hochbetagt sind, gestorben sind oder in absehbarer Zeit sterben werden.

 

„Die ältere Generation hat einen Dialog mit der jüngeren in der Regel geflissentlich vermieden“.

 

„Menschen wie Du und ich“ sind es dabei, die Senfft zu Worte kommen lässt, Nachkommen nicht „prominentere NS Größen“, sondern einfach Nachkommen dieser Generation. Menschen, die berichten, wie sie konstruktiv mit der „Last des Schweigens“ Umgang gefunden haben.

 

Ao, wie exemplarisch für die vielen Stimmen im Buch Stefan Ocheba für sich formuliert: „Ich bin kein Kriegsenkel, ich bin ein Nazi-Enkel!“.

 

Der dies in mühsamer Kleinarbeit innerhalb von Jahren recherchiert hat. Ein offenes Wort gerade von seinem Vater fand nicht statt, Aufklärung von Familienseite aus nur scheibchenweise. Zudem war er der augenscheinlich einzige, der sich in der Familie für die Vergangenheit und die Rolle seines Großvaters in dieser interessierte. Der einzige, der bohrenden Fragen nachging, warum die Fabrik seines Großvaters unmittelbar vor diesem jüdische Besitzer hatte, welches 1942 in Salibor ermordet wurde.

 

Schritt für Schritt folgt der Text in diesem Kapitel der Recherche Ochebas, lässt ihn vom schwierigen, distanzierten Verhältnis zu den Eltern erzählen, die Verbindungen zu ferneren Teilen der Familie, um an Informationen zu kommen. Eltern, gerade der Vater, der von „unnennbaren“ Ängsten stark betroffen ist. Bis hin dann zu Folgen zunächst für das eigene Erleben von Beziehungen bei Stefan Ocheba.

 

Ebenso wie bei allen anderen biographischen Erinnerungen im Buch lässt Senfft dabei grundlegende psychologische Erkenntnisse je mit Einfließen und verweist auf Organisationen, die mit dem Feld intensiv vertraut sind.

 

Wie „innere Versöhnung“ möglich ist, wie zermürbend aber auch der Weg dahin sein kann, wie die Großeltern gelebt haben und welche Traumata deren Kinder dann an die Enkel mit weitergaben, welche auch innere Distanz das alles mit sich brachte und bringt, davon erzählen die, nicht immer einfach zu lesenden und teils auch befremdlich wirkenden, Schicksale und Haltungen im Buch umfassend und klar.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016