dtv 2016
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Andre Postert – Hitlerjunge Schall

 

Sorgsam aufbereitete Innenschau

 

Letztlich stellt der Inhalt des Buches eine fast einmalige Möglichkeit dar, sich in das Werden eines ganzen Denkgebäudes einzulesen, zu verstehen, welches Klima ab Mitte der zwanziger Jahre in Deutschland herrschte und wie es geschehen konnte, dass Menschen nicht nur „irgendwie“ Hitler als Politiker hinnahmen, sondern tatsächlich in der Breite der Bevölkerung mit Begeisterung, mit „heiligem Ernst“ sich der „Sache“ verschrieben haben.

 

„10. Dezember 1930: Das NSDAP Programm ist im Haus“.

 

Und im Vorfeld je kurze, knappe Tagebuchaufzeichnungen voller Begeisterung über das Sein in der Gruppe, die Wanderungen, die Zeltlager zunächst in einer Vereinigung der „Deutschen Freischar“, dann bald in der sich gründenden Hitlerjugend.

 

Wobei es zunächst durchaus Verständnis beim Leser hervorruft, diese Freude an der Gemeinschaft, der Gruppe, dem Zelten, den Ausflügen, denn am Ort selbst, der kleinen Stadt, dürfte ansonsten für junge Menschen nicht viel Unterhaltung geboten worden sein.

 

Und selbst die Anfänge der HJ, die „Wehrlager“, Aufmärsche mit der SA gemeinsam, die Fackelzüge, „Kneipen“, die Masse an Gleichgesinnten, zudem die politischen Schulungsveranstaltungen, die Vorträge vieler Politiker, all das ist dem Leser überaus verständlich, wenn man sich nur ein wenig in das junge Leben des Franz Albrecht Schall einfühlt.

 

„Viel Begeisterung und geschäftiges Treiben. Am ersten Abend großartiger Fackelzug durch die Stadt“.

 

In einem Kontext des nationalen Denkens. Bei allem pubertären Streit mit den Eltern, bei dem dennoch der Vater trotz intellektueller Distanz zu den groben Formen des Auftretens der „Braunhemden“ im Kern dennoch Sympathie hegt. Auch Teile der Korrespondenz des Vaters Schall mit dessen Schulfreund Hermann Hesse legt Postert mit vor und entfaltet so in den Kommentierungen, der Hinführung und der Zwischenbemerkungen nicht nur eine klare Darstellung von Franz Albrecht Schall, sondern auch der Atmosphäre der Zeit, dem nationalen Denken, der Begeisterung für einen „Helden“.

 

„Hitler erscheint. Stürmische Heil-Rufe der gesamten versammelten SA brausen auf. Langsam geht er mit erhobener Hand die Böschung entlang. Ein tiefer Ernst liegt auf seinem Gesicht“.

 

Inszenierung, „Rundum-Angebote“ für die Jugend, Gruppengefühl, Indoktrination, der Rausch der Masse, all das schildert Schall knapp, aber mit spürbarer Begeisterung. Die sich steigert und steigert für den Träger des „Ehrenzeichens in Gold“, der sich, im Verlauf seiner Aufzeichnung überdeutlich zu erkennen, von einem „verführten Jugendlichen“ in einen überzeugten, teils fanatischen Parteigänger entwickelt, der die Inhalte der Propaganda vom „Auserwählten Heilsbringer Hitler“ bis hin zum fanatischen Antisemitismus sich auf die Fahnen schreibt.

 

Viel Informationen liefert Postert dabei zusätzlich. Kurze biographische Hinweise zu den vielfachen Personen, die Schall hört, trifft, die Einfluss nehmen, ausführliche Darlegungen zu den einzelnen Phasen der Entwicklung (Hineinkommen in die HJ, Parteigenosse werden, „erwachsen werden“ in der Partei, die Studienzeit in Jena.

 

Als Lehrer an den „Adolf-Hitler-Schulen“ gibt Schall danach überzeugt weiter, was ihm selber umfassend und geschickt nahegebracht wurde. Woran auch die Inhaftierung des Vaters durch die Gestapo nichts ändern wird, die Familie hat sich längt über die politischen Fragen zertrennt, alle drei Söhne sind längst ganz und gar auf der Seite der „neuen Ordnung“.

 

Da klingt es wie Hohn, wenn der Sohn schreibt: „Ich habe immer gehofft, dass Du Dich überzeugen ließest“ und mit „Heil Hitler!“ den Brief ins Gefängnis an den Vater abschließt.

 

Ein intensives Zeitdokument, dass von den Anfängen an eine innere Entwicklung sorgfältig nachzeichnet und kommentiert, die wie ein Paradebeispiel für die innere Atmosphäre zwischen 1928 und 1945 vor Augen steht. Inklusive einer „Nachlese“ über das „schnelle (Um-) Orientieren im Deutschland nach dem Krieg. Bis hin zu den Schwierigkeiten der inneren Annäherung mit seinem eigenen Sohn. Eine Zeit, die Postert ebenso sorgfältig zusammenfasst, wie er das gesamte Buch kommentierend begleitet und damit auch einen detaillierten Abriss der Geschichte der HJ vorlegt.

 

 

Eine sehr zu empfehlende, intensive Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016