C.Bertelsmann 2013
C.Bertelsmann 2013

Andrea Stoll – Ingeborg Bachmann

 

Lebendige und die Person erfassende Biographie

 

Zwei (mindestens) ganz unterschiedliche, fast konträre „Seiten der Person“ sind es, welche die faszinierende Persönlichkeit von Ingeborg Bachmann ausmachten. Wobei nur „die eine“, öffentliche Facette der Persönlichkeit breit bekannt und beleuchtet worden ist.

 

Neben aber dem „Popstar der Literatur“, dem „Covergirl“, der Frau, die sich souverän und, wie es Stoll nennt, „strahlend“ auf dem öffentlichen Parkett bewegte, gibt es noch diese ganz andere, stille, tiefe Seite der Ingeborg Bachmann. Jene Quelle, aus der sich in starkem Maße die Kraft ihrer Lyrik speiste, die reflektierende, nachdenkliche Ebene der Person.

 

Jene Seite, die durchaus depressive Anteile in sich trug, Angst, Verzweiflung und  Selbstzweifel in hohem Maße kannte. Gleichzeitig also stark, offen, souverän und unsicher, scheu und voller Zweifel, eine hohe Reibung, die Andrea Stoll durchaus zu einem der zentralen Punkte ihrer Biographie Ingeborg Bachmanns setzt.

 

Und damit sehr spannend und emotional dem Leser das „private Gesicht“, die umfassende Person überzeugend (und zudem sehr gut lesbar) nahe bringt. Jene Diskrepanz zwischen dem freiheitsliebenden Wesen, das allen Ehrgeiz daran setzte, als „freie Schriftstellerin“ zu reüssieren, dennoch aber von der Person her stark unter dem Fehlen eines Sicherheit gebenden Rahmen litt. Bis hin zur seelischen Erschöpfung und körperlichen Erkrankung gerade an dieser „Freiheit“. Im Übrigen waren diese Zweifel und Ängste nicht immer nur eingebildete innere Dramen, durchaus kannte Ingeborg Bachmann auch als bekannte Autorin noch materielle Engpässe und Unsicherheiten, mit denen sie nur schwer bis gar nicht Umgang finden konnte.

 

Eine Existenz, die nicht losgelöst von den Rahmungen der Zeit der 50er und 60er Jahre betrachtet werden kann, in der, auch dies ein Begriff Stolls, eine ehrgeizige und offen auftretende Frau und Schriftstellerin ohne bürgerliche Absicherung als „Freiwild“ galt. Eine Haltung, die auch in der Rezeption des Werkes zu Erscheinungszeiten Folgen zeigte und zusätzlich persönlich belastete.

 

Dennoch aber hat Bachmann diesen von ihr gewählten Weg nie verlassen. Trotz aller innerer und äußerer Erschwernisse sich „durchgebissen“. Und auch für dieses „daran Festhalten“ findet Stoll überzeugende Gründe und stellt diese umfassend im Buch mit dar.

 

Selbstverständlich findet der Leser im Buch ebenfalls die äußeren Lebensstationen und die entsprechenden Erläuterungen der Werke Bachmanns. Auch hier, im Übrigen, arbeitet Andrea Stoll die Verzahnung von Werk und Leben eindringlich heraus. Wie „das Geschriebene“ sich aus „dem Erlebten“ ableitet und dort verarbeitet wird.

 

Eine rundum gelungene Biographie, die einen tiefen Einblick in die Persönlichkeit der Ingeborg Bachmann, in die Zeitgeschichte und die vielfachen Reibungen in und um Bachmann herum vor Augen führt. Und dafür einen Titel findet, der dem Leben Bachmanns und der Biographie selbst hochgradig entspricht.

 

M.Lehmann-Pape 2013