Ullstein 2014
Ullstein 2014

Anja Reich – Der Fall Scholl

 

Sachliche und tiefgehende Reportage

 

Im Februar 2014 wurde die Revision abgelehnt.

 

Heinrich Scholl, ehemaliger SPD Grande im Osten der Republik, langjähriger Bürgermeister, Natürlich als treusorgender Ehemann im perfekt funktionierenden „Ehe-Team“ Mitgestalter der aufwendigen Klassentreffen seiner Frau.

Vor allem aber seit fast einem halben Jahrhundert mit dieser verheiratet in einer scheinbaren „Vorzeigeehe“ ist und bleibt als Mörder seiner Frau verurteilt in Brandenburg in Haft.

 

Allerdings allein und rein im Rahmen eines Indizienprozesses.

Weder hat er gestanden noch gibt es Augenzeugen der Tat.

 

Vorweg gesagt, auch dieses sehr fundiert recherchierte Buch, auch die Gespräche der Autorin mit Heinrich Scholl selbst und ihre Begleitung des Prozesses werden eine letztgültige Antwort nicht geben.

Dem Leser eine eigene Entscheidung zu diesem Fall nicht endgültig abnehmen können.

 

Aber genauso, wie im Prozess strafrechtlich relevante Indizien zusammengetragen wurden, trägt Anja Reich die menschlichen Hintergründe zusammen und bietet ein umfassendes Bild der beiden vor allem beteiligten Persönlichkeiten und der Struktur der ehelichen Beziehung.

 

Ein Mann, der es sich gerne zu recht redet und zu recht legt und das dann mit Vehemenz glaubt und vertritt.

Eine Frau, die hochgradig kontrolliert, die alles im Griff hat und im Griff haben will, die auf jede Einzelheit bei ihren Planungen, in ihrem Leben achtet.

 

Ein Politiker, an dem noch ganz andere Seiten kennengelernt werden können als die offensive, charmante „Außenhaut“. Eine Ehe, die Seite für Seite mehr Risse, mehr Differenzierungen erhält. In der auf gar keinen Fall alles zum Besten stand.

 

„Scholl lacht. Er kann sich durchsetzen, auch heute noch. Das will er mit seinen Geschichten beweisen. Er ist eine Führungspersönlichkeit, auch hier im Knast“.

 

Einer, der steif und fest darauf beharrt, den Hund zu vermissen. Aber auch der, von dem die Bekannten sagen, er hätte den Hund seiner Frau nie ausstehen können.

 

Dennoch, „die meisten glauben ihm. Sie halten Heinrich Scholl für viel zu schlau für einen so dilettantischen Mord“.

Aber würde nicht ein schlauer Mensch es genauso anfangen und durchführen, dass es ihm eben auf gar keinen Fall entsprechen würde?

 

Oder führt doch dieser anonyme Brief über eine Affäre der Toten in irgendeine Richtung von Scholl als Täter weg hin zu einem „großen Unbekannten“?

 

Oder gilt: „Man kann einen Mord verdrängen, sagen Psychologen, wie man andere schreckliche Dinge …  verdrängen kann“?

 

Eine sachgerechte, sehr intensive Darstellung und Auseinandersetzung mit Heinrich Scholl und seiner ermordeten Ehefrau. Eine Recherche, die den Leser nicht fühlbar in eine gewisse Richtung lenken will und doch erkennen lässt, wo die Haken an all der überzeugend vorgetragenen Rechtfertigung zu finden sein könnten.

 

Ein ominöses Geschehen mit menschlichen Abgründen und Hintergründen, die Anja Reich ganz hervorragend herausarbeitet und zur Geltung bringt.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre über einen realen und wahren Kriminalfall.

 

M.Lehmann-Pape 2014