Droemer Knaur 2015
Droemer Knaur 2015

Anna Erelle – Undercover Dschihadistin

 

Thriller aus dem wahren Leben

 

Anne Erelle war da. Nicht wie manche Journalistin entweder in gewisser Distanz oder wie Todenhöfer in „offizieller Mission“ „Auge in Auge“, sondern“in Beziehung“  per Tastatur und Skype hat sie Kontakt hergestellt zum Rekrutierungsnetzwerk des IS.

 

Im Frühjahr 2014 hat Erelle Kontakt über Facebook aufgenommen (und wie einfach das letztlich ging, irritiert schon unbemein) und sich dem Rekrutierungsnetzwerk des IS quasi „angedient“ als vermeintlich zum Islam konvertierte Christin.

 

Mit dieser Hintergrundgeschichte versehen, mit dem Wissen (und der Bekanntheit zu einigen Betroffenen), das auch aus ihrem persönlichen Umfeld Menschen nach Syrien aufgebrochen waren um sich dem IS anzuschließen, musste sie Tatsächlich nur den „Köder“ eines entsprechenden Facebook-Accounts auswerfen und abwarten (nicht lange), bis sie in das Blickfeld von IS Kontaktpersonen, „Rekrutierern“ gerät.

 

Trotz der digitalen Distanz, bei der Lektüre wird klar, dass dies ein persönlich sehr mutiger Schritt war und bleibt, denn die Möglichkeiten der „anderen Seite“, sich ihre möglichen neuen Rekruten näher anzusehen, sind durchaus vorhanden, die Obacht, dass kein Blick hinter den „Fake-Account“ geworfen werden kann bedarf ständiger und hoher Konzentration.

 

Beileibe nicht nur während des Kontaktes, sondern gerade durch ihre Veröffentlichung ihrer Erkenntnisse und Information. Bis zum heutigen Tag gilt Anna Erelle seitdem als gefährdete Person und weiß, wie langatmig die Geduld des IS ist, wenn es um seine „erklärten“ Feinde geht.

 

Was den Leser im Buch aber vor allem von der ersten Seite an fasziniert ist die Schilderung und Intensität dieses Kontaktes.

Denn hier geht es nicht um sachliche Informationen an „die Neue“, nicht um vordergründigen Fanatismus in den Augen oder gar Schaum vor dem, vorweniger um einen rauen martialischen Umgangston, sondern es ist ein echtes, intensives „Umgarnen“, welches im Lauf der Wochen stattfindet.

 

Komplimente, blumig -romantische Umschreibungen bis hin zum Heiratsantrag und in diesem Teil der Verführung der vermeintlich innerlich suchenden Frau dann, ganz geschickt verbunden, erweitert um Elemente des Lebenssinns, etwas Gutes zu tun, humanitär zur Seite zu stehen, Gottes Werk an den Menschen mit ganzem Herzen zu tun.

Mit einem Gegenüber, der attraktiv wirkt, modern und gut gekleidet ist, gute Umgangsformen aufweist, nicht unangenehm bedrängend wird, sondern immer einfühlsam und zugewandt erscheint. Und der immer wieder darauf achtet, das „Eigentliche“, Tod und Krieg und Jagd auf „die anderen“ an den Rand zu schieben versteht. Auch wenn er an entsprechenden Stellen keinen Hehl aus der „Zukunftserwartung“ macht. Eher aber, um kurze, prägnante Botschaften zu verankern und dann wieder das Thema auf die „schönen Dinge des dschihadistischen Lebens“ zu bringen,

 

„Diese Diskrepanz zwischen bekennendem Fanatismus und den Posen eines ewig halbwüchsigen bringt mich aus der Fassung“.

 

Vieles erzählt jener Bilel im Plauderton, lässt erkennen, dass er kein kleines Lichts innerhalb des IS ist und führt ab einem bestimmten Zeitpunkt auch den „Ausbildungsweg für die Neuen“ ausführlich aus .

 

„Jeder hat seine Aufgabe“. Sprachkurs, Schießübungen, erfahren Kämpfer als Mentoren, nach 14 Tagen die ersten Kampferfahrungen, verpackt in „Angebote“, natürlich auch als Krankenpflegerin oder Koran-Unterrichtende einen Platz finden zu können.

 

„Das Leben ist schön hier und spottbillig“.

 

Ein faszinierendes, erschreckendes, den Kern nicht nur der Rekrutierungsstrategie, sondern auch des Denkens des IS aufzeigend und eine rundweg zu empfehlende, wichtige Lektüre, für die man Anna Erelle dankbar sein muss. Für ihren Mut und ihren klare, journalistischen Blick, das Wesentliche an möglichen Informationen tatsächlich „herausgelockt“ zu haben.


M.Lehmann-Pape 2015