C.H.Beck 2013
C.H.Beck 2013

Asfa-Wossen Asserate – Deutsche Tugenden

 

Gängige und exotische Betrachtungen deutscher Eigenarten

 

Es ist seit längerem bereits Asserates „Markenzeichen“ als einer, der seit langem im Land lebt und dennoch ganz andere Wurzeln seine eigenen nennt, quasi eine Durchmischung von „Innen- und Außensicht“ des Landes zu geben.

 

Wobei für dieses neue Buch der Titel nicht ganz glücklich gewählt scheint, zumindest nicht, was die gängigen Assoziationen zum Wort „Tugenden“ angeht. Vielfach nämlich betrachtet Asserate in seiner bedächtigen, klugen und humanistisch gebildeten Art und Weise eher „Eigenarten“ aus seiner Sicht.

 

Sehr schön abzulesen ist dieses „weniger um Tugenden“ gehende, wenn sich Asserate sehr gediegen über die „Trinkfestigkeit“ auslässt, auf Goethe und Schiller zurückgreift, eigene Erinnerungen aus seiner Zeit als Burschenschaftler bemüht und das ganze noch in einen Vergleich mit der „britischen Trinkkultur“ hinein setzt. Zunächst ist offen, ob Asserate hier wirklich eine „Tendenz der Deutschen“ auf den Punkt bringt oder doch eher vergangene „Miefigkeit“ auch der Bonner Republik mit ihren „trinkfesten Mannsbildern“. Dies mag nun noch jeder Leser bei der durchaus vergnüglichen Lektüre für sich entscheiden. Aber im klassischen Sinne eine „Tugend“ ist „Trinkfestigkeit“ nun weniger.

 

Auch Asserates sehr sachkundige und emotional verbundenen Einlassungen zur Fülle der klassischen Musik, der Bachs, Beethovens, Händels (der im Buch sehr geschätzte Mozart war im Übrigen Österreicher) inklusive seiner distanzierten Haltung zu Wagner ist nun doch weniger als eine „Volkstugend“ (oder wie immer man das auch nennen mag) zu verstehen, eher vielleicht als „kulturelle Prägung“.

 

Andere Themen wie die Ordnungsliebe, Pünktlichkeit, Pflichtgefühl fallen allerdings durchaus in den Bereich der Primär- und Sekundärtugenden klassischer Einordnung.

 

So ergibt sich im Gesamten zunächst ein Sammelsurium von durchaus „öffentlich sichtbaren“ Themen und Eigenarten (die allerdings nicht ehr in Gänze auf „die Deutschen“ zutreffen“), die Asserate in seiner bedächtigen, schönen Sprache beleuchtet und durchaus auch als Spiegel vor die Augen setzt. Die Erfindung des „Leitz-Ordners“, wo sonst, als in Deutschland hätte dies geschehen können. Das Loblied des Fleißes und die hohe Wertigkeit der Arbeit, hier trifft Asserate durchaus eine ganze „Zeitprägung“ nicht erst der Nachkriegszeit.

 

Erfindergeist, Anmut, Freiheitsliebe, die vielbesungene „Gemütlichkeit“, Sparsamkeit, Treu. Und Redlichkeit, breit ist das Themenspektrum und sind die Stichworte, denen Asserate nachgeht und zu deren jedem ihm Teile der historischen Entwicklung und ihre Bedeutung für die ein oder andere „Breite“ leicht aus der Hand fließen. Eine höhere Differenzierung, die dem aktuellen Stand im Land angemessen wäre allerdings fehlt ein stückweit doch.

 

So verbleibt alles in allem eine Sammlung von Einsichten und persönlichen Bewertungen, die hier und da antiquiert wirken, sprachlich aber immer treffend dargelegt werden und im Gesamten dann doch zumindest eine traditionelle „Mentalitätsentwicklung“ in sich zu fassen vermögen. Eine flüssige und vergnügliche Lektüre allemal, wenn auch nicht in jedem Punkt aktuelle getroffen.

 

M.Lehmann-Pape 2013