Kein & Aber 2016
Kein & Aber 2016

Asne Seierstadt – Einer von uns

 

Fundierte und sehr gut zu lesende Darstellung der Hintergründe Breiviks

 

Anders Breivik hat eines der schrecklichsten individuellen Verbrechen der Geschichte vollzogen. Aber, wer ist dieser Anders Breivik? Was hat ihn geprägt? Wer hat ihn geprägt? Was waren das für Umstände im Land, auf der junge Mann ehedem reagiert, was trieb ihn selber an.

 

Schon die Schwangerschaft und Geburt unter nicht einfachen emotionalen Voraussetzungen vor allem bei der Mutter, schwierige Verhältnisse in der Kindheit, eine starke gesellschaftspolitische Veränderung in Norwegen, die im direkten Umfeld Breiviks mit fast Hass aufgenommen wurde.

 

Akribisch legt Seierstadt all diese Dinge dar und treffend gelingt es ihr (ihre Arbeitsmethode legt sie am Ende des Buches zudem ausführlich dar), das „Klima“ in und um das Kind und den Jugendlichen Breivik minutiös zu schildern.

 

Die Aggressivität. Die Tierquälerei. Wie die meisten Nachbarn ihren Kindern schlichtweg verboten, mit dem kleinen Anders zu spielen. Wie sich dennoch eventuell haltbare Freundschaften bildeten, die wiederum an seinem Verhalten scheiterten.

 

Wie zudem das Jugendamt trotz eindringlicher psychologischer Hinweise und der Bereitschaft des (längst geschiedenen und neu verheirateten Vaters) zur Übernahme des Sorgerechtes nicht folgt.

 

Wie dann in der Subkultur (und Anti-Kultur“ der „Tragger“ (Sprayer) wieder Puzzlestücke „gegen die da alle“ ins Leben traten.

 

Seierstadt beschreibt immer wieder, welche Türen als Ausweg hätten genutzt werden können. Und ist doch nicht verbissen dabei, diese als „entscheidende Veränderungen“ zu kennzeichnen.

 

Ja, vielleicht hätte das anders laufen können, aber vielleicht gibt es so etwas, wie von Beginn an unzugängliche, aggressive, „böse“ Kinder, die in bestimmten Familienkonstellationen und bestimmten Erlebnissen in Kindheit und Jugend diesem „Bösen“ freie Bahn in sich geben. Was Breivik schon früh, glaubt man den Erzählungen der Mutter, getan hat.

 

Da rückt eine der Kernfragen der Menschheit im Blick auf diese Entwicklung in den Blick. Ist bei manchen einfach „“Hopfen und Malz“ von Beginn an verloren?

 

„Man will geliebt werden, mangels dessen bewundert, mangels dessen gefürchtet und verachtet. Man will irgendein Gefühl in den Menschen wecken. Die Seele schreckt vor der Leere zurück und sucht um jeden Preis Kontatk“.

 

Auch um den dutzendfacher Menschenleben in einer autistisch zu nennenden inneren Überzeugung, die wiederum nur vorgeschoben worden sein könnte im Lauf der Jahre.

 

Es ist Sierstadts klarer Verdienst, jeder Spur, jedem Bekannten, Freund nachgegangen zu sein, jedem und jeder, derer sie habhaft werden könnte, der Breivik kannte und erlebte. So ergibt sich ein ungeheuer dichtes Bild dieses vielfach ins ich gespaltenen und nicht einfachen Struktur seiner Persönlichkeit.

 

So zeigt sich wo hätte eingegriffen werden können und welche Schwierigkeiten solche Eingriffe mit sich gebracht hätten.

 

Bis dahin, dass Seirstadt direkt zu Begiinn (und da nicht zum letzten Mal im Buch), auch in die harten Schilderungen und emotional erschreckenden Bilder des Massenmordes fast kühl hineingeht.

 

Und nicht nur von Breivik erzählt, sondern auch von anderen, die die Atmosphäre im Land versinnbildlichen, die eine eigene Geschichte hatten, bevor diese mit Breivik in (in vielen Fällen) tödlichen, zumindest aber Abwehr hervorrufenden Kontakt geriet.

 

Tatsächlich in den ganzen Stationen von der Geburt bis zur Tat „einer von uns“, ein in bestimmten Kreises völlig „normales“ und „gängiges“ Mitglied der Gesellschaft. Was einfach erschreckt. Das einer zu so etwas fähig ist, dass so etwas überhaupt möglich ist und dass, vielleicht, bei so ähnlichen Lebensstrukturen, noch eine ganze Reihe weiterer menschlicher „Zeitbomben“ schon mehr oder weniger laut ticken.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016