Ullstein 2015
Ullstein 2015

Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren

 

Tiefreichende Einsichten

 

1939 beginnen die Tagebuchaufzeichnungen, die bis ins Jahr 1945 reichen und in denen Astrid Lindgren nicht nur „ihren Teil“ für Schweden in diesem umfassenden Krieg leistet, sondern in denen sie selbst für sich dieses Geschehen festhält. Über die Jahre hinweg mit immer mehr Informationen über das Grauen versehen, dass Menschen Menschen anzutun bereit sind, den Preis des Krieges vor Augen.

 

Ein Geschehen, von dem Lindgren zunächst ahnt, nicht lange darauf fest weiß, dass es eine Zeitenwende darstellen wird, die Welt durch und nach diesem Krieg nicht mehr die gleiche sein wird, eben offenkundig wird, dass „die Menschheit ihren Verstand verloren hat“.

 

Eine Möglichkeit der Betrachtung, der Beobachtung, die nicht zuletzt durch die Neutralität Schwedens eine ganz besondere Möglichkeit in sich trug. Aus der „Perspektive der Verschonten“ heraus (fassungslos) die Ereignisse mit anzusehen und aus der „Gnade der Verschonung“ heraus in besonderer Form ein Gefühl der Verantwortung zu entwickeln.

 

Momente, die sich in ihren Tagebuchaufzeichnungen niederschlagen, eine Entwicklung auch der eigenen Haltung, die der Leser nachvollziehen kann im Lauf der Lektüre und die, neben der Erschütterung Lindgrens selbst über die „Zeichen der Zeit“ immer wieder Hoffnung vermittelt. Dass eben nicht die ganze Menschheit ihren Verstand verloren hat.

 

Wobei Lindgren im Tonfall nie ins Pathetische abgleitet, hier keine ständig auf Tiefsinn ausgerichteten, literarischen Schriften vorliegen. Im Gegenteil, gerade weil Lindgren so nüchtern und sachlich die Ereignisse des Krieges begleitet (man lese nur ihre trockene Zusammenfassung am „Zweijahrestag“) kommt eine solch fliessende Lektüre zustande und eine immer wieder auch objektive Information des Lesers. In die dann die eigenen Gedanken der Autorin mit einfließen, erkennbar werden. Das ganze in seinem ebenso flüssigen, klaren Stil, der in bester Weise Zeugnis ablegt von der klaren Sprache und der schriftstellerischen Güte Lindgrens.

 

„Deutschland und die Deutschen werden gehasst. Aber man kann nicht alle Deutschen hassen, man kann sie nur bedauern. Der Krieg ist aus und das ist alles, was zählt“.

 

Denkt Lindgren. Bis die baltischen Gefangenen an Russland ausgeliefert werden sollen, bis die Folgen offenkundiger werden, bis die erste Atombombe fällt.

 

„Der Frieden bietet keine große Geborgenheit!“.  Und dennoch, Lindgren schließt versöhnlich. Und wünscht sich und den ihren und allen ein hoffentlich gutes neues Jahr 1946.

Trotz des Wissens um die Vernichtungsmaschinerie,  die  von Menschen gemacht Lindgren tief erschüttert hat.

 

Und wie nebenbei erlebt der Leser auch mit, wie aus der Sekretärin Lindgren langsam sich die Schriftstellerin heraus entwickelt. Wie 1941 Pippi Langstrumpf das „Licht der Welt“ erblickt (zaghaft und noch mit keinem Gedanken an Romane versehen), Wie der ruhige, klare und einfache Stil Lindgrens schon in den Tagebüchern zu erkennen ist. Wie 1944 erste Geschichte entstehen.

 

Ein historisches Dokument einerseits, persönliche Erinnerungen andererseits, eine ebenso sichtbare persönliche Entwicklung der Neigungen gleichermaßen, wie ein immer wieder erschrockenes Nachsinnen über das, was hinter den Ereignissen des Krieges an menschlichen Abgründen ertragen werden muss.

 

M.Lehmann-Pape 2015