Kösel 2013
Kösel 2013

Babak Rafati – Ich pfeife auf den Tod

 

Zusammenbruch unter Druck

 

„Es ist ein Rausch, ein Stadion zu erleben, das von den Rufen der über 50.000 Fans zu vibrieren scheint“.

 

Für viele ein positiver Rausch, ein sich gehen lassen, eine Feier. Für den ein oder anderen aber auch ein negativer Rausch mit Druck umgehen zu müssen.

 

Der Schiedsrichter professioneller Spiele, vor allem von Fußballspielen, das muss auch der unbeteiligte Leser zugestehen, hat die schwerste aller Aufgaben, den größten Druck vor allem im Angesichts möglicher Fehlentscheidungen, die nicht korrigiert werden können. Fehler, die Rafati machte. Die im Stadion und vor den Fernsehschirmen allseits offenkundig dann waren, die ihn in eine Spirale „abwärts“ äußerlich wie innerlich brachten. Die mit der modernen Technik umgehend auch im Stadion, auch für ihn selbst zu sehen sind.

 

Wer schon den Umgang mit Schiedsrichtern in der Kreisklasse, in Jugendmannschaften hautnah miterlebt hat, wer die Bericht zur Kenntnis nimmt, das physische Gewalt gegen Schiedsrichter auch im Amateurbereich zunimmt, wer im Stadion die Beschimpfungen, den nackten Hass der Masse schon gesehen hat, wenn der Elfmeter gegen die Heimmannschaft gepfiffen wurde (und dann noch unberechtigt war), der ahnt, dass man schon ein ziemliches Standing benötigt, um professionell sich diesem Druck regelmäßig auszusetzen.

 

Auch bei Spielern im Übrigen ist das nicht immer der Fall. Sebastian Deisler hat Burnout erlebt. Robert Enke ist durch seine Depression in den Freitod gegangen- Nicht umsonst beginnt diese Buch mit einem Auszug aus der Rede Theo Zwanzigers anlässlich der Trauerfeier für Robert Enke.

 

Allerdings, den Umkehrschluss zu ziehen, dass ein Leben im professionellen Sportbetrieb und konkret als Schiedsrichter im Profi Fußball fast automatisch Burnout, Depressionen nach sich zieht, wäre nun nicht statthaft. Es bedarf hierzu auch einer Disposition der Persönlichkeit. Was übrigens in diesen sehr persönlichen Schilderungen Rafatis durchaus zum Ausdruck kommt. Seinen eigenen Perfektionismus, das „Verbot des Fehlers“, das räumt er freimütig als persönliche Disposition ein.  Hier klingt der Klappentext ein stückweit zu polemisch, wenn von den „brutalen Gesetzen des Profisports und den Druck der Sportmedien“ die Rede ist.

 

So ist dieses Buch kein allgemeines Werk über „Druck im Sport“ oder ein „Aufbauratgeber“ für eine „dicke Haut“, sondern eine durchaus berührende, sehr persönlich gehaltene und sehr detaillierte Schilderung des „Hineinrutschens“ in eine Depression, der Lähmung, die ein solche Depression mit sich bringt (u.a. in der sehr plastischen Schilderung der Angst, der Lähmung, der körperlichen Symptome in den Stunden der Vorbereitung auf ein großes Spiel).

 

Bis zum versuchten Selbstmord führte Rafati diese Depression und ist dabei schon auch ein Dokument der Gnadenlosigkeit des „Spiels“ und seiner Protagonisten und Anhänger. Gut, dass ein „Insider“ hier einmal aufzeigt, welche Folgen der in Teilen auch übertriebene Stellenwert eines Sport-Spiels hat auf all jene, die nicht in Ignoranz oder anderweitig abgeschirmt sich innerlich von all dem fernzuhalten verstehen.

 

Das Rafati bei der Schilderung seiner eigenen Entwicklung und auch der Anklage gegen eine System nicht stehen bleibt, sondern ebenso anhand seiner eigenen Geschichte konstruktive Möglichkeiten aufzeigt, innerhalb eines druckvollen Systems zu bestehen, dass ist die eigentliche Botschaft dieses Buches. Zwar beschreibt er seinen individuellen Weg, doch vieles von dem, was ihm an Einsichten in langer Reflektion sich eröffnet, dürfte auch für viele andere Betroffene an ganz anderen Orten und in ganz anders gelagerten Druck-Situationen eine Hilfe sein.

 

Ein sehr persönliches, zunächst sehr auf den Sport bezogener Bericht einer Depression und des Auswegs aus dieser, der aber durchaus auch für viele andere Bereiche zum Nachdenken anregt.

 

M.Lehmann-Pape 2013