C.H.Beck 2017
C.H.Beck 2017

Barbara Stollberg-Rilinger – Maria Theresia

 

Umfassende Biographie, die keine Fragen unbeantwortet lässt

 

Zum 300. Mal jährt sich 2017 der Geburtstag der schillernden österreichischen Kaiserin. Ein Ereignis, dass Stollberg-Rilinger zum Anlass einer überaus umfangreichen und akribischen Biographie nimmt, in der die gesamte Atmosphäre der Zeit im Wechselspiel mit der Person Maria Theresias zum Klingen kommt.

 

Wozu eben nicht nur die machtpolitischen Stärken der Kaiserin gehörten. Diese aber auch, natürlich, eine entscheidende Rolle bei all den Kriegen und Kämpfen spielte, die Maria Theresia siegreich bestand und damit aus einem „heruntergekommenen Riesenreich“ einen modernen Staat zu gestalten. Eine Geschichte, auf deren Weg herbe Verluste (wie gegen Preußen“ doch zu inneren Siegen wurden.

 

„Die 23jährige zeigte sich vom ersten Tag ihrer Regierung an als die geborene Herrscherin“.

 

Und die dennoch zu Zeiten fast vergessen war im eigenen Land. Und dann doch mit Monumenten (auch in literarischer Form, führt man, wie Stollberg-Rilinger, die 10bändige Biographe durch Ritter von Arneth mit an). Überlebensgroß erinnert wurde. Und so auch und nicht zuletzt im kulturellen Leben Österreichs mehr und mehr eine überragende Rolle begann, einzunehmen. Theater, Literatur, später Film, zahlreich und vielfach sind die Verknüpfungen in die Gesellschaft über die Jahrhunderte hinein.

 

Je geringer die Strahlkraft des Habsburger Reiches im Lauf der Zeiten wurde, desto heller leuchtete der Stern der Kaiserin im Gedächtnis.

 

Wie nun für Zeitgenossen damals schon das Schema „männlich-weiblich“ in die damalige Wertordnung einpasst wurde, wie Werke über die Kaiserin rezipiert wurden, wie eine Biographie zugleich auch ein kulturelles Konstrukt sein kann, all dies lässt die Autorin bei dieser umfangreichen Betrachtung mitschwingen.

 

Eine fast „Religion der Herrschaft“, eine „Matriarchin“ mit Schwächen, eine „echte Kaiserin“, die eben nicht nur der Zerstreuung und dem „Wohlleben“ zu frönen gedachte. Eine Mutter, die nicht immer einfach zu tragen und zu ertragen war, die ihre Kinder forderte.

 

Und, was Stollberg-Rilinger vor allem hervorragend herausarbeitet ist das „monolithische“ Denken und Selbstverständnis Maria Theresias, die ihre eigene Stärke in den Mittelpunkt stellte und mit neuen, geistigen, kulturellen Errungenschaften der Zeit einen eher sperrigen Umgang pflegte.

 

„Gemütlich“, das war Maria Theresia auf keinen Fall, weder für Freund noch für Feind noch für ihre 16 Kinder.

 

„In ihren letzten Lebensjahren kam Maria Theresia sich selbst vor wie ein Relikt aus einem anderen Jahrhundert. Was ihr keine Freude, sondern Widerwillen bereitete.

 

Dass sich „jeder Mensch seines eigenen Verstandes bedienen solle“, das war nicht ihre Vorstellung von der Ordnung der Dinge und der zu bewahrenden Hierarchie auf Erden.

 

So sah sich Maria Theresia am Ende ihrer Lebzeiten noch dem Verfall monarchischer Selbstverständlichkeiten gegenüber, die durchaus mit persönlicher Bitterkeit einhergingen.

 

Statt „persönlicher Gunst“ objektive Gesetze, Gehalt statt „Gnadengaben“ nach Gutdünken für Staatsbedienstete und vieles mehr, was für Maria Tehresia eine Welt vor den Augen entstehen ließ, die wenig mit der gemein hatte, in die sie einmal hineingeboren worden war.

 

Und in der sie nicht nur eine einseitige Persönlichkeit, sondern vielfache Rollen einnahm und diesen gerecht wurde. Bis fast zum Ende hin.

 

Beide, die alte und die neue Welt und darin die Reaktionen und die vielfachen persönlichen Wechselwirkungen in und um die Kaiserin herum, legt Stollberg-Rilinger gut zu lesen und umfassend informiert (der Anhang macht gut ein Viertel des Werkes aus) bestens vor die Augen des Lesers, der am Ende der Lektüre ein hoch differenziertes Bild der geschichtlichen Entwicklung jener Zeit und dieser konkreten, teils alle überragenden Figur, erhält.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017