Siedler 2014
Siedler 2014

Batholomäus Grill – Und um uns die Toten

 

Begegnungen mit Sterben und Tot

 

Der Tod, das Sterben, rücken in den letzten Jahren mehr und mehr wieder in den Blick, in das Bewusstsein. Nachdem über Jahrzehnte hinweg dieses Geschehen immer mehr „am Rand“ angelangt war. In einer Gesellschaft, die auf Jugendlichkeit, Dynamik, Schlank sein ausgerichtet war (und ist). Da hatte der Verfall zumindest keinen Platz „in der Mitte des Lebens“.

 

Vielfach und vielfältig nun allerdings ist der Tod wieder „im Gespräch“, wie an den ebenso vielfältigen Veröffentlichungen der letzten Jahre (zu Recht) abzulesen ist.

 

Bartholomäus Grill hat da einen durchaus eigenen, besonderen, man könnte sagen, „kompetenten“ Zugang zum Thema. Als Journalist, als wortgewandter Autor ebenso, wie einfach als Mensch. Schon 2006 hat seine Reportage über den Tod seines Bruders hierfür ein Zeichen gesetzt. Einer, der bewusst hinschaut und das, was er sieht, auch und gerade über das Geschehen von Sterben und Tod, zurückhaltend und dennoch intensiv in Worte zu fassen versteht.

 

„Der Tod hat tausend Gesichter und ich habe in viele geschaut“.

Dieser Satz des Klappentextes kündet von der persönlichen Nähe Grills zum Thema und gibt zugleich dem Buch seine Inhaltsbeschreibung.

 

In 14 Kapiteln wendet sich Grill im Buch ganz verschiedenen Todesfällen und ganz verschiedenen Aspekten des Todes zu.

Eine Auswahl an Themen, die eine große Bandbreite zum Vorschein bringen. Von ganz persönlichen Momenten., die den Leser nicht unberührt lassen werden (wie der Tod des Vaters, der Tod der Mutter („Der Tod ist ein Mörder“) über Todesereignissen, an denen sich ganze Traditionen und rituell geprägte Weisen der Umgangs mit dem Tod ablesen lassen („Die Todeskultur auf dem Bergbauernhof“), bis hin zum „ganz großen“ Sterben, erschütternde Berichte vom „Völkermord in Ruanda“ und Erlebnisse als Kriegsberichterstatter mit dem Tode quasi „Auge in Auge“.

 

Dass der Tod auch als Fest gefeiert werden kann, wie eng Tod und Leben verknüpft sind (und wie das zum  Ausdruck kommt), davon erzählt Grill in seinen „Streifzügen im afrikanischen Ahnenreich“ genauso interessant und persönlich, wie er die Ereignisse ums einen Bruder noch einmal prägnant zu Gehör bringt („Endstation Zürich“). Mit einem dann eigenen Kapitel über den daran laut gewordenen Diskurs über die Sterbehilfe.

 

Dies alles in einer sehr treffenden, ruhigen und bildkräftigen Sprache. Wer je die eigenen Eltern im Sterben miterlebt hat, der wird sich umgehend an Krankenhauszimmer, wachsbleiche Gesichter, sparsame Bewegungen erinnern, wie Grill selbst sie erlebt hat und im Buch noch einmal und wieder wachruft.

 

„Die Verbindung zur Bodenstation ist abgerissen. Das Raumschiff saust durchs All, wird kleiner und kleiner, verschwebt in der Finsternis“. Während die Kinder schichtweise am Krankenbett wachen, begleiten und das Sterben in Gemeinschaft, vor allem mit der Mutter selbst, erleben. Die letzen Sekunden, intensiv beschrieben mit Bildern, die lange beim Leser nachhallen werden.

 

„Das mütterliche Kraftwerk erkaltet“.

 

Eine Intensität, die sicher nicht bei allen Beschreibungen im  Buch vorliegt und auch nicht an allen Orten nötig ist, manche Themen gar behindern würde, die aber den emotionalen Faden durch die Seiten hindurch gibt und beibehält und durchweg aus persönlicher Erfahrung sprechen.

 

„Der Tod wohnt mitten unter uns. Er ist unser Untermieter. Lebenslang“.

 

 

Ein sehr verschieden zugehendes, sehr breit sich dem Thema widmenden, ein hervorragendes und emotional berührendes Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2014