Ullstein 2013
Ullstein 2013

Bernd Thränhardt – Ausgesoffen

 

Schonungslos

 

Nicht nur als „der Bruder“ bewegte sich Bernd Thränhardt im Partytaumel der „Schönen und Reichen“, auch er selbst war als Filmemacher zu jener Zeit durchaus erfolgreich, bekannt, mit dabei.

 

Und sein Rückblick auf jene Zeit erfüllt so ziemlich jedes Vorurteil, das der Normalbürger von jenem orgienhaften „Alltagsleben“ der Schickeria sich so macht. Von jener Haltung, die aus einem bisschen (oder auch mehr) Talent zur „Unterhaltung der Massen“ (nein, Leben werden nicht gerettet von „denen“, auch keine Erfindungen oder Fortschritte entfaltet), ob als Sportler, als Schauspieler, als Medienschaffender sich selbst knapp hinter Gott, auf jeden Fall aber weit über der Masse einzuordnen.

 

Schonungslos ist schon diese Darstellung eines rahmenlosen Lebensstils, der gerade kreative Menschen in den Sog nehmen kann (der Beispiele sind Legion). Wo der äußere Rahmen fehlt, wo Erfolg und Geld hinzutreten, eine gewisse Prominenz und ein auf Party-Unterhaltung geeichtes Umfeld, da sind auch andere „Be-Geisterungen“ nicht fern zur vermeintlichen Intensivierung des Erlebens (ständig Party, Frauen und Reisen stumpft letztlich einfach ab, auch das eine Erkenntnis des Buches). Bei Bernd Thränhardt war das vor allem der Alkohol und, nebenbei, das Kokain.

 

Sehr intensiv gelingt es Thränhardt, diese Spannung und Reibung in seiner eigenen Person fassbar zu schildern. Den „Rock´n Roll Lebensstil“ einerseits, Zerstreuung, ein emotionales Erleben Wollen, das immer mehr Anreize benötigt. Und auf der anderen Seite der innere Drang, die Suche und Sucht nach „Gesehen werden“, in seiner Leistung anerkannt sein, den anderen zeigen, dass man wer ist, was kann (du dies auch sich selber zeigen).

 

Rausch und bitter Ernüchterung, Ekel vor sich selbst, Arbeit und Erfolg und dies feiern und wieder Abstürzen, nach oben kommen, nach unten durchgereicht werden, ohne sich ein Blatt vor den Mund zu nehmen, ohne Augenzwinkern oder weitreichende, weinerliche Entschuldigungen setzt Thränhardt Wort für Wort und Seite für Seite offen in das Buch, was ihn lange Zeit in den Fängen hielt, was sein Leben, seine Tage bestimmte.

 

Türen öffnen sich wie von selbst, nicht zuletzt durch seinen Bruder, den Sportstar mit dem Talent zur optimalen Selbstvermarktung. Türen in eine Welt, die, folgt man Thränhardt, tatsächlich fast nur aus Schein und wenig aus Sein besteht, die kaum äußeren und keinen inneren Halt zu bieten hat für jemanden, der in sich selbst lange keinen wirklichen Halt findet. Aber eben auch eine Welt die verführt, die ein (falsch verstandenes) „Dolce Vita“ zelebriert und letztlich hauptsächlich Raubbau an sich selbst, seinem Körper und seinen Möglichkeiten vollzieht.

 

Bitte rauch jene Stellen im Buch, in denen es Thränhardt aus eigener Kraft versucht (und scheitert). Deutlich beschreibt er die ganz allgemein menschliche Erfahrung, wie schwer es ist, eingefahrene Bahnen zu verlassen, sich selbst auch nur ein stückweit allein aus sich selbst heraus zu verändern, so sehr der Verstand auch Einsicht hervorbringt.

 

Mut machend aber, ebenso klar geschrieben und ebenso schonungslos im Umgang mit sich selbst, legt Thränhardt auch Zeugnis ab von seinem, bis dato, erfolgreichen Weg hinaus. Von Therapie, Erlernen einer Selbstdisziplin, aus der Tiefe Schritt für Schritt zu sich selbst und weg von den Suchtstoffen zu finden.

 

Ein offenes und sehr interessant zu lesendes Buch, in dem Bernd Thränhardt seinen Weg in aller Klarheit und ohne sich zu schonen vor die Augen des Lesers führt und damit exemplarisch der Sucht eine ernstzunehmende Stimme verleiht.

 

M.Lehmann-Pape 2013