btb 2017
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Birgit Lutz – Heute gehen wir Wale fangen…..

 

Zieht den Leser in einen Sog

 

Da ist dieser Polizist. Däne. Während der Arbeit am Buch seit anderthalb Jahren in Tasiilaq, Grönland. Und im Angesicht des Endes seiner Dienstzeit mit späterem Rückgang nach Dänemark.

 

„Der Winter ist magisch. Alles wird ruhig, es liegt viel Schnee  und es passieren weniger Straftaten“.

 

Sicher eine eher nüchterne, polizeiliche Sicht auf das Leben an einer der Küsten Grönlands, und dennoch, selbst in den Worten dieses nüchternen „Kurzeitbewohners“ beginnt nach einer Weile, die ganze Magie dieses andersartigen, im wahrsten Sinne des Wortes exotischen Lebens zwischen Steinzeit (es ist noch nicht allzu lange her, dass native Einwohner Grönlands in „Erdhäusern“ und als Jäger und Fallensteller ihr Leben verbrachten) und Moderne. Einer er wenigen Orte der Welt, in der das Leben noch lange, bis vor Kurzem, nach uralten Traditionen und Regeln funktioniert. Eine geographische Landschaft, die ob der schweren Zugänglichkeit und der rauen Lebensbedingungen weder von Touristenströmen überflutet wurde und wird, noch sind „Immigranten“ in so großer Zahl vorhanden, dass das gewohnte Leben sich schnell hätte „modernisieren“ müssen.

 

„Das Leben hier ist reich. Vieles hat ich berührt. Sie süßen Kinder, die dir immer zuwinken und lachen….Wir sind nicht so viele, deswegen sind wir uns so nah….alles ist anders hier. Es ist einzigartig“.

 

Und Brigit Lutz hat dieses Grönland intensiv bereist. Sich tief eingelassen auf Kontakte, Lebensformen, auf diese Einzigartigkeit. Ein Einlassen, dass Lutz bestens in mitreißende Passagen in Worte zu fassen versteht und in Text und vielen Fotografien dem Leser einen Eindruck aus erster Hand vermitteln kann, der die Faszination dieses „Ortes am Rande der Welt“ auch emotional hervorragend vermittelt.

 

Denn, auch das arbeitet die Autorin präzise heraus, was dort im „Biotop“ aufeinandertrifft, die beiden Welten eines „alten Lebens“ und der „digitalen Moderne“ ist am Ende des Tages ja eine tatsächliche „Weltfrage“ zu einer Zeit, in der immer mehr Menschen an dem „größer, weiter, schneller“ der westlichen Zivilisationen starke und stärkere Zweifel befällt.

 

„Sie alle Leben auf eine bestimmte Art und Weise zwischen den Welten, zwischen dem alten Jäger- und dem neuen modernen Leben, zwischen Europa und Grönland, zwischen Stadt und Natur, zwischen dem Leben in den Jagdgründen und in einem Haus mit Internetanschluss“.

 

Das „Grönland viele Europäer verwirrt, weil man hier frei ist“ lässt Lutz als Quintessenz einer Geburtstagsfeier im Raum stehen, Ob Trommeltanz oder Waljagd, ob „Immigrant“ aus Dänemark mit endlich dem Gefühl, nicht „nutzlos“ zu sein in der „Masse Mensch“, ob Schlittenhund-Rennen oder immer wieder die Hinweise auf die sehr dünne Besiedelung, den immensen Platz für die Menschen und die raue Natur, die das Leben viel deutlicher bestimmt, als an anderen Orten der Welt, viele Geschichten und Einsichten sind es, die Kurz dem Leser vermitteln kann eben durch ihre ausgiebige Nähe zu den Menschen Grönlands und der ausgedehnten Zeiträume, die sie dort mit offenen Augen und Neugier verbracht hat.

 

„Das Dasein zwischen den Welten macht die Erzählungen dieser Menschen so spannend und das Buch am Ende nicht zu einem Buch über Ostgrönland, sondern über Menschen, die nach einer Identität suchen in einer Welt, die sich schnell verändert und sehr komplex geworden ist“.

 

 

Nun wird das konkrete Leben in Grönland nicht als Blaupause für eine Lebensveränderung in Europa dienen können. Dennoch aber sind die Anfragen, die durch das Buch sich dem Leser stellen nicht zu unterschätzen und die Einblicke in eine ganz besondere Form  von Alltagsleben, wie sie Lutz so hochwertig in ihr bannt, allemal die Lektüre wert.

 

M.Lehmann-Pape 2017