Carlo Fruttero – Ein Herr mit Zigarette

 

Geschichten eines Lebens

 

Nicht unbedingt in chronologischen Abläufen und nicht in einem strikt durchlaufenden Text erzählt Carlo Fruttero aus seinem Leben, sondern durchaus auch ein Stück assoziativ legt er kleinere und größere Begebenheiten, Erinnerungen, Reminiszenzen an Freunde in diesem Band vor. So entsteht eine Form der Autobiographie, die dem Leser den Zugang zur inneren Welt, zur Persönlichkeit und zum Denken Frutteros eher eröffnet, als dass äußere Lebensstationen und äußere Ereignisse  vorrangig nachgezeichnet werden würde.

 

In dieser Form aber gelingt es Fruttero durchaus ins einer eleganten, treffenden Sprache, den Leser mitzunehmen auf einzelne Momente und Stationen seiner Lebensreise. Gelingt es ihm spielerisch leicht, z.B. den ganz einfachen Hintergrund seiner Skepsis dem Faschismus gegenüber zu erläutern. Der hauptsächlich darin beruht, dass er selbst an einer entsprechenden Parade teilnahm und sich, nach dem ersten Defile, hinten wieder anstellen musste für einen zweiten Vorbeimarsch, damit eben die „jubelnde Parade“  auch wirklich gefüllt und lange erscheint. Was Fruttero umgehend zur Frage führt, ob all diese „Duce-Großveranstaltungen“ nichts anderes als aufgebauscht und getürkt sind.

 

Ebenso mit bildreicher Kraft findet sich die Beschreibung von Prägungen der Kindheit, die gemeinsame Weinlese auf dem Land, das ein oder andere verschrobene Familienmitglied (der Vater, der Telefone und Automobile als „neumodisch“ eher ablehnt). Ereignisse, die den Leser die Mentalität, die Atmosphäre des damaligen Italien spüren lassen.

 

Nicht fehlen dürfen natürlich auch (durchaus Raum einnehmend im Buch) Erinnerungen an seinen Freund, Mitautoren und Pendant Franco Lucentini. Texte, die zeigen, dass Fruttero nicht nur sich hintergründig und fassbar darzustellen vermag, sondern die schriftstellerische Gabe besaß, Personen in ihrem Wesen zu erfassen und dies in genau beobachteten und ebenso präzise niedergeschriebenen Ereignissen vor die Augen des Lesers zu führen.

 

Im Plauderton nimmt Fruttero den Leser mit auf die Reise in vergangene Zeiten, in das Italien zu Anfang des letzten Jahrhunderts, in das Paris der großen Journalisten und Schriftsteller, in das „sich nach oben schwimmende“ Leben (wunderbar geschildert, wie er in Paris ankommend „in die Lücken der Stadt“ zu schlüpfen hat und keineswegs in noblen Herbergen residierte wie die damals schon bekannten „Sterne“ der schreibenden Zunft).

 

Fast mehr aber noch als das, was Fruttero erzählt, beeindruckt es, wie er es erzählt. Ein großer Sprachschatz, wunderbar gesetzte und formulierte Sätze, nicht künstlich verziert und dennoch elegant, durchaus auch einmal breiter schildernd und dennoch nie den gemeinten Punkt aus den Augen verlierend. Man könnte sagen, ein kultivierter Vertreter der „alten Schule“ zeigt hier noch einmal sein schriftstellerisches Können. Und macht keinen helhl daraus, dass er als Person durchaus auch energischer, lauter konnte. Ein „ehrwürdiger Greis“ oder ein ständig kontrollierter Mensch, das war Fruttero bei Weitem nicht.

 

Insgesamt ergibt die Lektüre ein interessantes, schön zu lesendes, Kaleidoskop aus „Lebensbildern“ und Entwicklungen, die diesen Schriftsteller noch einmal (nach seinem Tod 2012) elegant und fassbar in den Raum stellen.

 

M. Lehmann-Pape 2013