Knaus 2011
Knaus 2011

Catherina Rust – Das Mädchen vom Amazonas

 

Exotische Kindheit

 

Nicht nur Sabine Kuegler, die vor kurzem ihre Erfahrungen eines Aufwachsens in einer ganz anderen, exotischen Umwelt veröffentlicht hat („Das Dschungelkind“), auch Catherina Rust hat in ebensolcher Erfahrungswelt eine Geschichte zu erzählen. Zunächst nicht in erster Linie dem Leser (das kam später), sondern ihre eigene Tochter fragt nach, wie das damals war in diesen ersten sechs Lebensjahren der Mutter, die Catherina Rust bei den Aparai-Wajana Indianern am Amazonas verbrachte.

 

Im Rahmen eines völkerkundlichen Projektes war dort der Aufenthalts- und Arbeitsort ihrer Eltern und so ergab sich für Catherina Rust, von ihr natürlich gar nicht als „besonders“ oder „anders“ empfunden, dieses Spielen unter hohen Bäumen, schwingen an Lianen, umgeben von Flora und Fauna des Regenwaldes und inmitten einer einfachen, aber vielleicht gerade deswegen funktionierenden Dorfgemeinschaft der Indianer.

 

Steigt man als Leser in dieses Buch zunächst nicht mit dem Text ein, sondern wendet sich sofort dem kleinen, aber feinen Bildtteil im Buch zu, entstehen umgehend Eindrücke dieses Lebens der faszinierenden Natur des Regenwaldes, der bunten Indianer mit ihren offenen Gesichtern, den einfachen Booten, der unverbauten, reinen Natur mit all ihren Schätzen, aber natürlich auch mit all ihren Gefahren für den Menschen. Schön gemacht im Buch ist, dass neben diesem konzentrierten, farbigen Bildteil immer wieder Fotografien den Text mit illustrieren und Eindrücke just der aktuelle beschriebenen Ereignisse vermitteln. Und ebenso gut ist es, dass es Caterina Rust tatsächlich gelingt, weniger ihre eigene Person in den Mittelpunkt des Geschehens zu stellen, sondern in vielen Hinsichten einfach nur Bericht zu erstatten über das Leben der Indianer, die ihre Familie letztlich waren.

 

Mit Bild und Text entstehen so im Buch lebendige Eindrücke des Lebens im Regenwald (mitsamt mancher Leckereien, bei denen Catherina Rust zumindest damals das Wasser im Mund zusammenlief. Wobei das Verspeisen eines Klammeraffen vielleicht doch nicht jedermanns Sache werden wird....) Eine Festmahl, bei dem umgehend durch die Autorin eingeflochten wird, dass es im Ansehen des Jägers durchaus einen Unterschied macht, ob er das Tier mit einer schnöden Schrotkugel oder traditionell mit Pfeil und Bogen erlegt hat.

 

Eine Welt auch voll Gefahren, dieser Teil fehlt ebenso nicht im Buch, geschildert aus den Augen eines Kindes. Natürlich finden sich Anakondas und Jaguare im Buch, das aber eine große Gefahr auch von einem Hornissenschwarm ausgehen kann, dass ist sicherlich nicht unbedingt auf der Hand liegend gewesen. Eine Szene übrigens auch, die viel über den sozialen Zusammenhalt und das Lebensverständnis der Indianer in sich trägt, denn die einzige, die nicht völlig zerstochen von der Bootsfahrt wiederkommt ist eben die kleine Catherina, da alle Erwachsenen sich schichtweise schützend über das Mädchen gelegt hatten.

 

Dieses innere Bindung der Menschen untereinander, die durchaus hier und da auch mit Spannungen versehen ist und dennoch tragfähig das Leben maßgeblich kennzeichnet ist das Eigentliche, was während der Lektüre des Buches deutlich in den Raum tritt. Ein Zusammenalt, Werte einander und der Natur gegenüber, das Ziel eines kooperativen Miteinanders, das sind letztendlich fast ebenso (oder gar noch mehr in den Augen einer hoch individuell sich organisierenden Gesellschaft modernen Prägung) „exotische“ Eindrücke dieser Kindheit am Regenwald als Affen, Papageien, Anakondas, Piranhas.

 

Flüssig zu lesen, in einfachen Worten erzählt, vermittelt Catherina Rust einen vielfältigen und lebendigen Eindruck von ihrem Aufwachsen in der „exotischen Fremde, die für sie die erste Heimat war. Interessant dabei ist durchaus dann auch ihr Blick nach der Rückkehr auf jene „exotische Fremde“, die man westliche Zivilisation nennt. Ein Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen, die in der jungen Catharina Rust (und nicht nur in ihr) durchaus mehr kritische Anfragen an den „westlichen“ Lebensstil enthält, als an den der Indianer am Amazonas.

 

Michael Lehmann-Pape 2011