S.Fischer 2014
S.Fischer 2014

Catherine Merridale – Der Kreml

 

Im Zentrum der Macht und der Geschichte Russlands

 

Vordergründig vollzieht Catherine Merridale in ihrem sehr flüssig und eingängig geschriebenen Buch die bauliche Geschichte und die baulichen Eigenheiten des Kreml als „roter Faden“ durch das Buch minutiös nach.

 

Das Gebäude kennt der Leser am Ende der Lektüre bis in den letzten Winkel hinein, was sowohl der bildkräftigen Beschreibung Merridales als auch den übersichtlichen Karten und Plänen im Buch geschuldet ist.

 

Hintergründig, vor allem, legt Merridale in ihrer „Gebäudebiographie“ aber ebenso eine übersichtliche, fundierte und hervorragend zu lesende Geschichte Russlands vom 12. Jahrhundert an bis in die Gegenwart hinein.

 

„Der Kreml ist ein Ort, an dem sich Geschichte konzentriert und an dem jeder Stein mehrere Vergangenheiten zu repräsentieren scheint. Die Wirkung ist hypnotisch“.

 

Und das ist keinesfalls zufällig im Lauf der Jahre so „bebaut“ worden, weder das „Chaos der Dachverkleidung“ bis hin zu der „überwältigenden Menge von Palästen und uralten Mauern“, es gilt (und das führt Merridale überzeugend dargestellt vor Augen):

„Außerdem ist der Kreml absichtlich so arrangiert worden“.

 

Eines aber ist der Kreml nicht, und das hat System. Das Gebäude ist nicht “heimelig“ , genauswenig, wie es übersichtlich daherkommt. Es war (und ist) von Beginn an Ausdruck (und dementsprechend in späteren Bauphasen darauf beruhend ausgebaut worden) „Ausdruck des besonderen Charakters der russischen Kultur“ und verweist in seinem Stil „auf die historisch verwurzelte Macht“.

 

So spiegelt sich vom Bau des Kreml (aus Holz und mehrfach niedergebrannt in den Folgejahren) über die ersten Mauerwerke bin hin zu den goldenen Dächern und darüber hinaus die wechselhafte Geschichte Russlands im Bauwerk wieder, wie der Kreml selbst als „corporate identity“ Signalwirkung in vielfacher Form in das russische Volk immer wieder hinein entfaltet hat.

 

So wie Anfang des 17. Jahrhunderts das „Goldene“ Ausdruck des Volksgefühls war, das „frische Ideen (nicht) nützlicher sein könnten als überlieferte Frömmigkeit“ und der starken Sehnsucht nach einem „goldenen Zeitalter“, in der Zar in Glanz und Prunk regiert.

 

So wird auch aus dieser Betrachtungsweise her erklärlich, warum Peter der Große, dem Fortschritt anhängend, Moskau und den Kreml mied und in St. Petersburg seinen Ort der „Weltoffenheit“ anders und neu erbaute. Eine Offenheit dem neuen, den Ideen, der Welt gegenüber, die, wie die neuere Geschichte des Kremls von der Oktoberrevolution an zeigt, sich nicht erhalten hat, sondern wieder in die „Trutzburg“ eingezogen ist.

 

Aber auch die Phase der „Normalität“, die mit Boris Jelzin im neuen „Zeitabschnitt“ begann und auch unter Putin durchaus über lange Strecken hinweg im Kreml anzutreffen war (und in Teilen noch ist) findet im Buch seinen Niederschlag.

 

Immer wieder aber ist der Kreml Schauplatz, Symbol und Mittelpunkt der russischen Drehung „um die eigene Achse“, eines starken, verwurzelten, in Teilen nicht nur in der Sowjetzeit irrationalen Patriotismus, eines Ausbaus und Glanzes des Kreml innen wie außen, der sich bei Weitem nicht immer in der tatsächlichen Lage Russlands und seines Volkes widerspiegelt.

 

 

Ein interessantes und informatives, gut zu lesendes Buch, dass der „russischen Seele“ und der russischen Geschichte  von ganz anders als gewohnter Seite her sich nähert.

 

M.Lehmann-Pape 2014