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Cem Gülay – Türken Sam Eine deutsche Gangsterkarriere

 

Vertane Chancen

 

Gerade jubelt Fußballdeutschland über Mesut Özil und feiert ihn als die Wiedergeburt des kreativen Spielmachers. Was aber hat dann der DFB und, in Person, der damalige zunächst Jugend-, dann Bundestrainer Berti Vogts mit der kriminellen Karriere Cem Gülays zu tun?

Ist es ein Trugschluss, wie Cem Gülay als Jugendlicher glaubte, dass es fair zugeht, das, wenn man Leistung bringt, dann auch die verdiente Belohnung erhält?

 

Cem Gülay hat andere, bittere Erfahrungen gemacht. Er selbst bezeichnet sich als Türken der „Generation Chance“. Bestens integriert, fließendes Hochdeutsch, gute Schulen, Fußball als Leidenschaft und talentiert im Sport dazu. Doch dann trifft er auf die Schranken einer im Kern damals und in weiten Teilen heute immer noch integrationsunwilligen Gesellschaft. Seien es die Ausgrenzungen und Beschimpfungen an deutschen Gymnasien, an denen Cem oft der einzige Türke war, sei es, dass seine schon zugesagte Berufung in deutsche Jugendauswahlmannschaften durch Berti Vogts persönlich nicht vollzogen wurde. Der gleiche Berti Vogts, der 1995, 96 lieber auf den augenscheinlich limitierten Spieler Steffen Freund setzte, statt Mehmet Scholl in seinen Kader zu integrieren.

 

Die hart arbeitende und ständig mit Geld geizende Generation seiner Eltern, der ersten Gastarbeiter in Deutschland, vor Augen, die nachgezogenen türkischen Jugendlichen, die erst relativ spät nach Deutschland kamen und dort aufgrund massiver Sprachprobleme und vollständig anderer Prägung ihren Weg in Härte und Gewalt suchten im Nacken, die türkischen „Gangster Hamburgs“ mit erlebend, denen sich der Kiez Hamburgs beugt aus Respekt vor den straffen, mafiösen Strukturen, zerreibt es Cem Gülay im wahrsten Sinne des Wortes „zwischen den Fronten“.

 

Warum einen gerade Weg gehen, warum Mangel und Anstrengung im Blick auf ein mögliches Studium auf sich nehmen, wenn seine Erfahrung verdeutlicht, dass der Lohn für ihn als Türken eben nicht am Ende dieses Weges wartet, sondern eher viel wahrscheinlicher wieder nicht berücksichtigt werden wird. Eine Anstrengung übrigens, zu der Cem Gülay durchaus bereit gewesen wäre, wenn er das Gefühl vermittelt bekommen hätte, dass es sich lohnen könnte. Und da hat nun Bundesberti dann doch indirekt einiges mit seinem späteren Weg zu tun.

 

Das sind die Ursachen, die Grundlagen, die Cem Gülay in die Feder Helmut Kuhns spricht und anhand derer seine Entscheidung, sich den verdienten Respekt durch ein Leben als Gangster mit Härte und Durchsetzungsvermögen im Buch Seite für Seite nachvollziehbar sich aufbaut.

 

Tiefe Einblicke gewährt Cem Gülay. Nicht nur in die inneren Abläufe  des türkischen Milieus am Hamburger Kiez, auch Einblicke in Traditionen türkischer Prägungen der verschiedenen Generationen und in den Ablauf zwischen Kampf und Angst zwischen den aufeinanderprallenden Kulturen in seinem Deutschland.

 

Wenn er beschreibt, voller Unverständnis, schockiert, dass eine Horde rechtsorientierter Halbstarker einen kleinen türkischen Jungen, Cems Bruder, durch Hamburg hetzt um ihn „kalt zu machen“, wenn er ebenso aufzeigt, dass er als einfacher Türke kaum eine Möglichkeit hatte, Hamburger Clubs als Gast zu besuchen, als Gangster aber ohne Eintritt zu zahlen an der Warteschlange vorbei direkt in den VIP Bereich geleitet wurde, dann wird dem Leser durchaus klar, dass hier nicht Lust am Kampf die treibende Kraft ist, sondern die Mauern und Grenzen, die im Vorfeld allüberall erlebt wurden.

 

Im Sprachstil folgt das Buch unverfälscht der Person und, durchaus gewählten, Ausdrucksweise Cem Gülays. In dichter und authentische Atmosphäre  findet das Buch seine Stärken nicht nur in der intensiven Schilderung der „Innenansicht“ des Gangsterlebens samt einigen durchaus interessanten Erläuterungen, wieweit die Gier auch vieler deutscher dazu verholfen hat, durch getrickste Warentermingeschäfte massenhaft Geld fast geschenkt zu bekommen, sondern auch in den reflektierten Betrachtungen Cem Gülays und seinen Einblicken in die türkische Kultur der verschiedenen Generationen.

 

Selten ist es bisher in dieser Form gelungen, einen so tiefen Einblick in das Leben türkischer Jugendlicher in Deutschland, in die Vielzahl abgeblockter Möglichkeiten und in das Leben auf der „anderen Seite der Straße“ zu schildern. Absolut empfehlenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2010