C.H.Beck 2014
C.H.Beck 2014

Christian Wulff – Ganz oben – Ganz unten

 

Durch die Augen des ehemaligen Bundespräsidenten

 

Es mag durchaus sein, dass der Grund des Rücktritts vom Amt des Bundespräsidenten durch Christan Wulff „nur“ der der Aufhebung der Immunität und dem vorhergehend der Antrag auf Strafverfolgung der Staatsanwaltschaft in Hannover war.

Es ist durchaus Fakt, dass von den strafrechtlichen Vorwürfen nun richterlich geklärt nichts von rechtlicher Bedeutung im Raume mehr steht und das Ganze mit einem Freispruch endete.

Und es war offenkundig zu beobachten, dass eine mediale Kampagne (von Wulff im Buch „Die Jagd“ bis zur „letzten Kugel“ genannt) stattgefunden hatte.

 

All dies, was den Leer aktuell sicherlich im und am Buch am Meisten interessieren wird, kommt, flüssig und in klarer Sprache dargestellt, im Buch ebenso klar vor. So dass, alles in allem, das Ansinnen Wullfs, seine Ehre im rechtlichen und, nun durch das Buch, auch im öffentlichen Verständlich,  formal als wiederhergestellt verstanden werden kann.

 

Aber eben nur „formal“.

 

Ebenso aber verbleibt (und erhärtet sich gar durch die Lektüre) der Eindruck der damaligen breiten und öffentlichen Diskussion, dass es im Kern und letzten Endes gar nicht so sehr um rechtsrelevante Tatbestände oder um eine öffentliche Ehrabschneidung ging.

Sondern viel stärker im Verlauf der Affäre die mangelnde Kommunikationsfähigkeit des Bundespräsidenten, das spürbare Unverständnis zum „Geschmäckle“  und das „Hängen am Amt“ jene Elemente waren, die vielfach kritisch angesprochen wurden und auf die ebenso vielfach eine echte Antwort nicht erfolgte.

 

Auch wenn Einladungen, Urlaube, Einflussnahmen, private Kredite, schillernde Ehe, „Nord-Süd“ Dialoge, die Haltung zu seinem Freund und Referenten und vieles mehr im Gesamten immer wieder logisch und rational im Einzelnen erklärt und erläutert wurden (und z.T. im Buch wiederum werden), den Eindruck eine Mannes in (zumindest emotional fragwürdigen) „Verflechtungen“ scheint Wulff weiterhin nicht wahrzunehmen oder als einfach nicht statthaft zu bewerten.

 

Er ist „Opfer“ einer gezielten, langen und strategisch durchgeführten „Jagd“ auf seine Person, das ist der Kern seiner Darstellung.

 

Dabei sind im einzelnen Bewertungen durchaus mit seiner Beschreibung zu teilen, nur eben die Schlüsse daraus könnten divergieren.

Ja, ganz offenkundig hat Wulff das Amt des Bundespräsidenten gegen eine bestimmte „Medienhaltung“ erworben. Andererseits waren das eben vielleicht nicht nur bestimmte Medien, die dann nicht lockerließen, weil sie ihn einfach „nicht mochten“, sondern vielleicht gaben die konkreten Medien nur der Überzeugung eines nicht unerheblichen Teils der öffentlichen Meinung sichtbare Gestalt.


Drei Wahlgänge und laut werdende Kritik an seiner Zeit als Ministerpräsident (und auch hier mit einem Kern in der Kommunikation und mangelnder Bereitwilligkeit transparenter Amtsführung) sprachen schon zu Beginn seiner Amtszeit als Bundespräsident eine zumindest erkennbare Sprache.

Wer aber nicht sehen will, der sieht dann auch nicht und findet andere Erklärungen für solche „Missstände“.

 

So  bietet dieses Buch einerseits eine durchaus interessante Lektüre zu Person und „Affäre“ um Christian Wulff, aber dies anders, als Wulff selbst es anstrebt.

 

Durchaus herauszulesen ist nämlich auch die Nähe zur „Glitzerwelt“ des „Boulevards“ die er suchte und die (leicht zu beleidigende) Sensibilität und Empfindlichkeit, die er zugleich in diesem Spiel zwischen Nähe und Distanz in sich trägt.

Ebenso wie eine fast unprofessionell zu nennende Hilflosigkeit bei steifem Gegenwind.

 

Eine persönliche Tirade auf einem Anrufbeantworter zu hinterlassen, gespeichert und belegbar somit, allein dies disqualifiziert fast schon für höchste politische Ämter (in der Form und im Ansinnen hinter dieser Tirade).

Egal, wie gut und wortgewandt man das dann meint, erklären zu können.

 

 

Im Gesamten bildet das Buch eher eine Bestätigung der „insulären Wahrnehmung“ und der mangelnden Einsicht in die eigentlich kompromittierenden „Fehltritte“.. als das es ein anderes, zurechtgerücktes Bild Wullfs ergeben würde.

 

M.Lehmann-Pape 2014