Knaus 2014
Knaus 2014

Christoph Keese – Silicon Valley

 

Wo die Zukunft erfunden wird….

 

Das Silicon Valley ist einer der Schwerpunkte der gegenwärtigen Diskussion um die „digitale Zukunft“ der Menschheit (und das ist nicht zu pathetisch formuliert).

 

Nicht erst seit der „Hospitanz“ des Chefredakteurs der Bildzeitung (bei der Kesse Teil der Gruppe war) rückt dieser Ort in Kaliforniens in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Von der Mentalität über die Arbeitsformen über den zunehmenden, breiten Einfluss auf die Atmosphäre der weiteren Umgebung vor Ort und, vor allem, von dem Einfluss auf das „vernetzte“ Leben mit all den kleinen Apps, Gadgets, Innovationen, Steuerungen des Alltags bis hin zum Eigenverständnis der dort beheimateten Firmen mit ihren Mitarbeitern hin zur „totalen Überwachung“ des einzelnen reichen die vielfachen aktuellen Beiträge.

 

Sehr flüssig in der Sprache und mit viel Insiderwissen und Einfühlungsvermögen bringt Christoph Keese mit seinem Buch nun einen „Blick aus der Nähe“ auch in den deutschsprachigen Raum.

 

„Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert“.

 

Dieser Maxime geht er nach und legt Kapitel für Kapitel dem Leser unterhaltsam und informativ zugleich vor Augen, welche Innovationen, welche Zielrichtung, welche Veränderungen sich aus dem Silicon Valley in naher und mittelfristiger Zukunft auf die (vernetzte) Menschheit zubewegen werden.

 

Eine „einzigartige Kultur“, die sich „in rasender Geschwindigkeit“ zur Leitkultur des digitalen Zeitalters hin entwickelt, wie Keese es treffend benennt.

 

Und für die zu gelten schient: „Europa hat den Anschluss verloren“.

 

In Keese Augen sehen die Europäer beschaulich zu, „wie dort eine ganze Generation begabter Techniker zu Gründern wird und Millionen von Arbeitsplätzen schaffen“. Mitsamt Milliarden von Dollar an Wagniskapital. Wobei Keese keineswegs in einen unkritischen, glorifizierenden Ton verfällt, wenn er diese „Zukunft“ (und wo sie „gemacht“ wird) den eher vergangenheitsorientierten Wirtschaftsabläufen gegenüber stellt.

 

Was dabei seinen Betrachtungen eine besondere Eindringlichkeit gibt, ist gerade dieser einerseits distanzierte Blick, zu dem Keese als „Bewucher“ fähig ist und der erlebten unmittelbaren „Nähe“ vor Ort.

 

„Von Nahem sehen sie alle ganz friedlich aus“, eine Atmosphäre wie in einer großen, harmonischen Familie, die aber darüber hinwegtäuscht, dass die Ziele (und das in weiten Teilen aus Überzeugung, nicht aus bösartigem Machtwillen heraus), eine völlige Offenlegung des menschlichen Seins angestrebt wird. Nicht nur als Ziel, allein schon als Folge der Nutzung dessen, was dort erfunden und auf den Weg gebracht wird.

 

Von „MyTaxi“ bis zum „intelligenten Haus“, von der Dokumentierung aller eigenen biologischen Vorgänge über Apps bis zur (natürlich einsehbaren) „Einlagerung“ aller privaten Daten in den Clouds.

 

Kesse spricht es an, arbeitet es auf, zeigt, wo es herkommt, verweist auf die „Mission“, die scheinbar jeden dort Arbeitenden antreibt und bietet am Ende des Buches ein kritisches, nicht einfach von der Hand zu weisendes Bild für eine Zukunft, die jetzt bereits sich überall anlegt, wo „Silicon Valley“ als Leitkultur wirkt.

 

Ein wichtiges, gut lesbares und fundiert geschriebenes Buch, das die Frage aufwirft, ob das „Epizentrum des 21. Jahrhunderts“ tatsächlich bereits unaufholbar die „alte Welt“ abgehängt hat und ob die dort fassbare Leitkultur tatsächlich der Schlüssel zu echtem, menschlichem Fortschritt ist oder eher zur Degeneration führen wird.

 

Chancen der „besseren“ digitalen Zukunft in der Verschmelzung humanistischer Prägung und digitaler Welt, in sozialer und technischer Hinsicht zeigt Keese am Ende auf. Viel Zeit scheint aber nicht mehr zu sein, folgt man den Erkenntnissen seines Buches.

 

 

Eine zunehmende Verdichtung alles Wissbaren auf einen einzigen virtuellen Ort hin allerdings, da sollte sich jeder Verstand auf jeden Fall mit Bedacht gegen wehren.

 

M.Lehmann-Pape 2014