Riemann 2013
Riemann 2013

Christopher Quarch, Evelin König – Wir Kinder der 80er

 

„Wir sind unsere Eltern“

 

Die 60er, das waren die Jahre des Aufbruchs, des Mutes, nun aber „ganz anders“ zu sein als die Altvorderen. Bis in die Gegenwart hinein verklärte Zeiten.

Die 70er, das waren die Experimentierjahre, das Durchsetzen eines anderen Lebensstils, die Etablierung von Wohngemeinschaften, lange Haare, linker Widerstand, Brandt´s Aufbruch, der Beginn komplexer Rock-Musik und überhaupt sehr kreative Zeiten.

Die 90er, das waren die Yuppies, die „Gewinner“, die wirtschaftlich orientierten, die, die das alles „voranbrachten“ (man mag heute sagen, bedauerlicherweise auf ihre Art voran brachten, denn gegenwärtig wird die Suppe der 90er Jahre bitter ausgelöffelt).

 

Und die 80er? Die Jahre dazwischen? Schnarchnasenzeiten?

Für das echte Abenteuer zu alt, für die Etablierung in der „modernen“ Welt zu jung? An die Helden mit den langen Haaren nicht heranreichen, der Digitalisierung aber nicht mit der Muttermilch verbunden? Breite Schulten, Seidenjogginganzüge, Modern-Talking und somit nichts wirklich zu bieten außer Peinlichkeiten?

 

Nun, dieses Buch führt auf andere Spuren.

 

Quarch und König öffnen das Familienalbum der 80er Jahre und, siehe da, bei allem, was da so harmlos wirkt, was eine ganz eigene Kultur ausmachte von Friedensbewegung (Petting statt Pershing), Überwindung von Mauern und Blöcken, von breitem Bildungszugang, aber auch von einem noch aus den  Jahrzehnten zuvor geprägten, zurückhaltenden, respektvollen, leicht schüchternem Zugehen aufeinander und Umgehen miteinander bestimmen „Klima“ (Porno für jeden im Internet war da wirklich noch nicht verbreitet), all das löst nicht nur „warme“ Erinnerungen an Interrailfahrten und aufzudrehende Tonkassetten aus, sondern zeigt auch, dass in diesem Jahrzehnt eine sichtbare Kraft steckte und steckt.

Die tatsächlich bei aller Naivität im selbstgestrickten Pullover die Welt verändert hat, sich nicht hat abbringen lassen von ihrem politischen Weg, Volkszählungen zunichte machte und F.J. Strauß ein ums andere Mal den Kopf fast in wunderbarer Röte platzen ließ (ohne das eigentlich überhaupt zu wollen=.

 

Und das in einer Generation, die überhaupt nicht mehr „auf Revoluzzer“ machen wollte, sondern es letztlich „allen recht zu machen“ gedachte. Randale war nicht „das Ding“ der 80er und Radikale schon gar nicht mehr, und dennoch könnte man sagen, dass steter Tropfen in diesem Jahrzehnt so manchen Stein ausgehöhlt hat (bei allen Peinlichkeiten der Mode natürlich).

 

Sehr vergnüglich ist diese Zeitreise nicht nur für jene, die in den 80ern erwachsen wurden. Mit ihrem flüssigen und legeren Stil laden Quarch und König eigentlich jede Generation ein, sich dieser Zeit noch einmal, nun aus „Innensicht“ zu nähern.

 

Eine Generation, die nun „dran“ ist, auch das ist die Quintessenz der Vielzahl der Rückblicke im Buch. „Zeit, erwachsen zu werden“, denn nun liegt die Verantwortung in den Händen der „Babyboomer“, ob sie wollen oder nicht. Da hilft es auch nicht, auf „Dauerjugendlich“ zu machen, wie es die Autoren gerade dieser Generation signifikant nachweisen.

Doch die Chancen und Kompetenzen, eben nicht sich auf Dauer nur „sich-durchwurschtelns“ sind schon längst vorhanden, wie die Autoren nicht müde werden, zu betonen. Die Kinder der 80er sind flexibel und können im besten Sinne alle fünfe gerade sein lassen.

 

 

 

Die „fetten Jahre sind vorbei“, das stimmt. Aber es tut gut, noch einmal in das „Album“ dieser Jahre zu sehen und bei allem Nachsagen von Laschheit auch vor Augen zu führen, dass die „Kinder der 80er“ zur Zeit durchaus den „Laden am Laufen halten“ und sich gemausert haben. Auf ihre ganz eigene Art und Weise. Eine schöne Zeitreise mit aktueller Bedeutung.

 

M.Lehmann-Pape 2014