Blessing 2011
Blessing 2011

Christpher Hitchens – The Hitch

 

Klare Standpunkte und Lebenswurzeln

 

An Christopher Hitchens scheiden sich die Geister und das nicht knapp. (Fast) Immer schon. Einer, der vor allem bekannt wurde dadurch, dass er ohne Respekt, ohne Ehrfrucht, vor allem ohne irgendeine Scheu sich „verbeißt“ in seine höchst kritischen Betrachtungen Prominenter. Und hier natürlich nicht „irgendwelcher“ B oder C Sternchen, sondern immer in die großen Kaliber, von Bill Clinton bis zu Mutter Teresa. Und wenn „The Hitch“ mit seinen „Betrachtungsobjekten“ fertig war, blieb selten ein Stein auf dem anderen, was die zuvor öffentliche Wahrnehmung und Meinung zu diesen Personen auch immer gewesen sein mag.

 

Einer, der nach dem 11. September 2001 aus Solidarität die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hat, aber keinen Vertrag damit hat, in schneidender Schärfe seinen Atheismus literarisch dort auszubreiten.

 

Und nun legt er sein „Vermächtnis“ vor, sterbenskrank, dem Tod ins Auge schauend. Eine Lebensgeschichte, die vielleicht auch Wurzeln aufzeigt seiner Persönlichkeit. Vielleicht hat ja der „Commander“, sein Vater, jenes Stehvermögen ihm vermacht, dass ihn durchaus auch auszeichnet, was immer man von seinen Inhalten auch denken mag. Der Royal Navy Commander Eric Ernst Hitchens, kurz angebunden, klar und fest in seinen Überzeugungen, mit ebensolcher Vorliebe für „harte Wässerchen“ ausgestattet wie sein Sohn, „The Hitch“ hatte etwas von diesem Unbeugsamen „gehen eines eigenen Weges“.

 

Oder auch das Erbe der prägenden Zeit der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, bei dem als Wahlspruch für Hitchens hängen blieb, dass es „der Widerspruch ist, der Dich bei Verstand hält“. Und so, das wird aus seiner Autobiographie deutlich, schaut er sich die Welt einerseits aus den Augen eines Idealisten an, der durchaus formulieren kann, wie diese Welt sein müsste, damit er dazugehören kann (was er will) und, zum anderen, mit eben den kritischen Augen des Idealisten legt er beständig den Finger auf die Wunde dessen, was verhindert, dass er sich eingliedern, dazugehören könnte. Widersprüche, die er durchaus, das zeigt das buch, auch in seiner Person trägt. Seine klare Haltung für den Irak Krieg verhindert in keiner Form, dass er sich selber öffentlichkeitswirksam dem „Waterboarding“ unterzieht und damit in eindrucksvollen Bildern die Folterpraxis auch der amerikanischen Streitkräfte anprangert.

 

Was vor allem die Lektüre des Buches erhellend und anregend gestaltet, ist die Möglichkeit Hitchens, sich zu entwickeln. Er war nie jemand, der auf einmal gefassten Überzeugungen und Meinungen aus eigener Unsicherheit heraus beharrte, sondern hat durchaus Überzeugungen zu Zeiten auch verworfen und sich neuen Denkmustern gestellt. So manche der vermeintlichen Widerspräche in seiner Person und Haltung (beileibe natürlich nicht alle), lösen sich so während der Lektüre in ein „Nacheinander“ von Haltungen statt in eine „Gleichzeitig“ auf. Dass er dies alles in eine ironische, auch selbstdistanzierte, immer aber präzise beschreibende Sprache zu formulieren versteht, versteht sich fast von selbst bei einem, dessen „schärfste Waffe“ immer schon „das Wort“ war. Dessen Wurzeln aber in seinem Elternhaus, vor allem bei seiner Mutter und in seinen engen Bindungen, die er im Leben einging, zu finden waren. Eindrücke, die Hitchens ohne Verschleierungen im Buch mitteilt.

 

Interessant, teils intensiv legt Christopher Hitchens im Buch seine Überzeugungen, seine Entwicklungen, seine Prägungen und durchaus auch seine Respektlosigkeit vor, die faszinierend zu lesen sind und gibt zugleich tatsächlich Einblick in den privaten „Hitch“.

 

M.Lehmann-Pape 2011