Droemer 2012
Droemer 2012

Claudia Langer – Die Generation man müsste Mal

 

Überzeugend argumentierter Appell für Wohlstand statt Wachstum

 

„Ich klage SIE an, nur kleine Schritte zu tun, die ihr Gewissen beruhigen, anstatt endlich die großen Hebel anzusetzen“.

„Ich klage mich selbst an.--- als Teil der Generation „man müsste Mal““.

 

Da spürt man schon zu Beginn des Buches Ärger, durchaus aber auch Ohnmacht vor den Umständen, vor sich selbst, vor dieser trägen, langsamen „Elefantenkraft“, die den Menschen unbewusst und unterbewusst träge vor sich hin steuert, ihn egoistisch sein und bleiben lässt. Jener Kraft, gegen die der „kleine“ Verstand kaum etwas auszurichten vermag und die immer nach egozentrischer Sicherheit erst und dann nach breiter Bequemlichkeit strebt.

 

Wobei Claudia Langer natürlich intelligent genug ist, diese Verflochtenheit des Menschen zu kennen, wahrzunehmen, aufzunehmen und dennoch ebenso klar und stringent genau jene Regionen anzusprechen vermag, die hier unter Umständen durch Erkenntnis und Einsicht gegensteuern könnten.

Es ist bei weitem kein resignatives oder pessimistisches oder rein nur klagendes Buch, das Claudia Langer verfasst. Es ist kein Ratgeber oder Training dafür, endlich mal übliche „gute Vorsätze“ umzusetzen, vor allem nicht im Sinne von „mal abnehmen“ oder anderen Unwichtigkeiten, die dennoch die Welt und das Streben der Menschen zu lenken scheinen.

 

Nein, im Kern ist diese luzide, intellektuelle und kritisch-rationale Streitschrift ein Ausdruck der Hoffnung. Des „sich nicht zufrieden Gebens“ angesichts der Probleme. Ein Ausdruck der Hoffnung allerdings im Sinne Havels: „die Gewissheit, dass etwas Sinn macht – ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht“.

 

In einer Welt, die zwar ständig in einem vagen „man müsste Mal“ verbleibt, aber eigentlich, wie Lang überzeugend ausführt, genau weiß, dass (und sogar was) „wir handeln müssen“.

 

Breit legt Lang den Finger in die offenen Wunden. Zeigt den „Burnout“ der Welt auf, zeigt die Generationen des „man müsste Mal“ auf und die Folgen dieser Haltung und legt zudem ein „Programm der Hoffnung“ vor, dass Sinn macht. Das zu offenem Diskurs und Streit, vor allem aber zur Handlung einlädt und auffordert. Und durchaus motiviert, nicht niedermacht, was wichtig ist.

 

Natürlich bietet Langer keine neuen Inhalte, die ökologischen und ökonomischen Probleme sind breit bekannt, ebenso wie Gier und das Streben nach Luxus und Anerkennung als Ursachen für viele dieser Probleme. Natürlich kann man Langer vorwerfen, hier und da polemisch über das Ziel hinauszuschießen. Alles geschenkt. Denn im Kern verbleibt eine strukturierte und fundierte Argumentation, die den Leser nachhaltig beeindruckt. Und die in der engen Anlehnung an die Struktur eines Burnout fassbar mögliche Etappen nachhaltig vor Augen führt. Und dies durch die gewählte Form mit ihren farblichen Absetzungen unterstützt.

 

Auch wenn zu befürchten ist, dass auch dieser einzelne Appell im Getriebe der Trägheit und eines „man müsste Mal“ wiederum versickern kann, es ist ein wichtiges Buch und es braucht mehr davon. Mehr von einer ständigen Erinnerung daran, dass Taten Dinge verändern, nicht Pläne allein. Und Menschen grundlegend und an sich zu Taten fähig sind. Oft eben nur nicht zur rationalen Steuerung dessen, was sie tun.

 

Claudia Langer legt den Finger auf eine bekannte und klar erkennbare Wunde, bietet zugleich aber Wege und Möglichkeiten an, einen anderen, verändernden Umgang mit den großen Problemen der Zeit zu „erstreiten“ und selber auf den Weg zu bringen. Nicht nur lesenswert, sondern auch „Tun-Wert“. Um einen Anfang zu machen. Erst mal fast egal, wie und wo.

 

M.Lehmann-Pape 2013