Knaus 2011
Knaus 2011

 

Cora Stephan – Angela Merkel – Ein Irrtum

 

Abrechnung nach enttäuschter Hoffnung

 

Ein Irrtum war es sehr wohl, zumindest in den Augen von Cora Stephan, dass sie ehemals ihre Stimme der aktuellen Bundeskanzlerin bei der ersten Wahl ebenfalls gegeben hat. Voller Hoffnung auf diese Frau mit ihrer sachlich wirkenden Art und den damaligen, teils leidenschaftlichen, Reformreden.

 

Hier genau liegt jene Enttäuschung, die zum scharfen, polemischen Ton des Buches geführt hat. Aus der damals vermuteten, mutigen Reformerin ist nicht der von Stephan erhoffte  Funke für eine Neuorientierung des Landes hervorgegangen, sondern im Gegenteil eine rein aufs Kalkül und die Sicherung der persönliche Macht orientierte Politikerin, die schon lange nichts mehr gesagt oder getan hat, was auch nur im Ansatz als Orientierung für ein kraftvolles politisches Handeln gelten könnte.

 

In fast gleicher Stoßrichtung wie Thilo Sarrazin schleudert ihr Cora Stephan (anders kann man es kaum benennen) vor allem ein grundlegendes Versagen aus machtpolitisch motivierter Feigheit im Blick auf die notwendigen Reformen des Sozialstaates entgegen. „Mutti“ nennt Stephan Angela Merkel  auch in dieser Hinsicht mit beißendem Spott. Die „wärmende Mutti“, die keinem streng gegenüber treten will (auch wenn das für eine gesunde Entwicklung und für die Zurechtrückung verfahrener Situationen hier und da überfällig und notwendig wäre).

 

Noch einen Schritt weiter lehnt sich Stephan aus dem Fenster, wenn sie Angela Merkel nun aber höchst polemisch unterstellt, dass die häufigen Hinweise der Kanzlern auf „Alternativlosigkeit“ bei oft teuren Entscheidungen für den deutschen Steuerzahler gar andeutet, die ehemalige Bürgerin der DDR sei von den totalitären Strukturen damals wohl noch weit mehr geprägt im Inneren, als man meinen könnte.

 

„Der Ton macht die Musik“, lautet ein altes Sprichwort, das ist die Stärke, aber auch zugleich die Schwäche des Buches. Die Stärke, weil Cora Stephan ungeschminkt daherkommt und sich fast in Rage schreibt, durchgängig. Das hat Wirkung, durchaus. Das ist authentisch und ummäntelt sich erst gar nicht mit dem Anschein einer sachlichen, kühlen und differenzierten Analyse. Die Schwäche aber liegt darin, dass sich Cora Stephan hier und  vergaloppiert und in Teilen wie an Stammtischen üblich argumentiert. „Das soziale Netz lockt auch diejenigen in die Hängematte, die rechnen können“ ist eine solche Verallgemeinerung..

 

Man täte Stephan und, vor allem, dem Buch aber Unrecht, sich nur über den eifernden und wütenden Tonfall zu mokieren. Letztlich spricht aus den Zeilen ja eine rechtmäßige Enttäuschung, versteht man die Haltung der Autorin. Im Vergleich zu den merkelschen Reformreden vor der ersten Kanzlerschaft und dem Hauch von Aufbruch zur Lösung drängender Probleme, das zudem ohne Macho Attitüden, derer man überdrüssig war ist erschreckend wenig geschehen und ist tatsächlich zu konstatieren, dass wieder einmal eine politische Gestalt außer warmen Worten nicht viel in den Überprüfungen des Lebens zu bieten hat. Da ist Angela Merkel sicher nicht die einzige, da ist sie die Regel und nicht die Ausnahme. Aber genau darüber kann man in sich enttäuscht bis schäumend wütend durchaus sein.

 

In dieser Hinsicht bietet das Buch nicht nur einen enttäuschten Aufschrei gegen die konkrete Person Angela Merkel, sondern zudem noch ein „sich Luft machen“ gegenüber der ganzen Politiker Gesellschaft, die nur mehr aus Statements und kaum mehr aus ernstzunehmenden und konsequenten Handlugen zu bestehen scheint. Nicht politisch korrekt, als Sachbuch nicht wirklich ernst zu nehmen, aber als emotionale Momentaufnahme durchaus anregend zu lesen und mehrheitsfähig.

 

M.Lehmann-Pape 2011

Cora Stephan

Die Publizistin Cora Stephan, geboren 1951 bei Osnabrück, schreibt als Anne Chaplet Kriminalromane und veröffentlicht ihre politischen Essays und Kommentare bei verschiedenen überregionalen Hörfunk- und Printmedien.
(Quelle: Knaus Verlag)