Riemann 2015
Riemann 2015

Daniel James Brown – Das Wunder von Berlin

 

Der „Swing“ im Boot

 

„Rudern ist ein Sport mit vielen Paradoxien…..Ein weiteres Paradox liegt im Bewegungsablauf der Sportart. Ziel ist es natürlich, mit dem Boot so schnell wie möglich durch das Wasser zu fahren. Doch je schneller das Boot wird, desto schwieriger wird es, gut zu rudern“.

Weil sich die Fehlerquote bei den komplexen Bewegungen der einzelnen Ruderer potenziert, je höher die Schlagzahl wird.

 

Diese Feinheiten des Rudersports, vor allem im Blick auf die „Königsklasse“, den Achter mit Steuermann, erläutert und erzählt Daniel James Brown in seinem Nachgehen des 1936 bei der Olympiade in Deutschland siegreichen amerikanischen Achters, wobei er sich auf Joe Rantz, einem besonders talentierten, aber auch „aus dem Ruder laufenden“ jungen Mann konzentriert und in diesem als eine Art „corporate identity“ exemplarisch die Höhen und Tiefen des Rudersports (und des Lebens) vor Augen führt.

 

Nicht unbedingt ein „Wunder“ ist es, welches am Ende den Sieg bringt (auch wenn das amerikanische Boot den Start im Finale ziemlich verpasst und verpatzt), denn vielfach sind die Erfolge und Misserfolge, die Höhen und Tiefen dieser Rudermannschaft. Unbestritten aber auch das Talent jener Ausnahmeruderer.

 

Lange Zeit wird im Buch vor allem das Hinarbeiten und Trainieren auf eine besondere amerikanische Meisterschaft in Pughkeepsie, für die im eigenen Lager echte Konkurrenz erwächst und im Verlauf derer der Trainer Ulbrickson mehr als einmal an diesem Achter verzweifelt. Er glaubt einerseits fest daran, dass ein unglaubliches Talent in dieser Mannschaft steckt, sieht aber auch die Schwierigkeiten, die psychische Instabilität der jungen Männer, die mal wie im Rausch alles hinter sich lassen und beim anderen Mal wie lahme Enten hinterhertreiben.

 

„Rudern ist wie eine schöne Ente. Über dem Wasser sieht man nur Anmut und Eleganz, aber darunter paddelt das Tier wie verrückt“.

 

Diesen Gegensatz versteht Brown, spürbar zu schildern, den Leser teilweise emotional mit hinein in den „Swing“ zu nehmen, jene Momente auf dem Wasser, in denen alles stimmt, alles passt, alles perfekt ineinander greift und dahingleitet. Aber eben auch jene Situationen fassbar zu gestalten, bei denen die Ruderer selbst gar nicht wissen, warum es nicht „swingt“, warum es so mühsam wird.

 

Und warum die „Psyche der Ruderer“ das größte Paradox darstellt. Als selbstbewusste und überstarke Individuen sich selbst völlig in den Dienst der Mannschaft stellen zu müsse, deutlich mehr als in allen anderen Sportarten.

 

In solchen Momenten wird das Buch wie eine Parabel für das Leben selbst mit all den Widersprüchlichkeiten, Siegen, Niederlagen und der Suche nach dem „perfekten Gleiten“. Wie auch die Lebensgeschichte des jungen Joe zeigt, der sich den Widrigkeiten des Lebens in wirtschaftlicher Depression allein auf sich gestellt stellen muss und Schritt für Schritt zu lernen hat, dass nur gemeinsam alles ins ich stimmig werden kann.

 

Dass dann in Berlin die Organisatoren natürlich (gegen alle üblichen Regeln) für Nachteile sorgen, im Finale der deutschen Achter die beste Bahn zuerkennen (für die die Zeiten im Vorfeld diesen Achter nicht berechtigt haben), dass einiges an Druck sich aufbaut und wie das im Vorfeld unmöglich scheinende gelingt, das stellt Brown sehr plastisch und spannend als Höhepunkt der Geschichte am Ende dar.

 

Einige Längen allerdings weist das Buch dennoch auf. Hier und da zu sehr, zu lange, zu breit erzählt Brown vom Training, den Vorbereitungen, den taktischen Fragen, die den Trainer bewegen, währenddessen die ein oder andere Regatta nur knapp Platz findet.

 

Alles in allem aber eine interessante „Lebensgeschichte“ aus der Innensicht eines besonderen Sports heraus, der in einer besonderen Zeit und besonderen Situation ebenso Besonderes geleistet hat. Gegen viele Widrigkeiten und Rückschläge.


M.Lehmann-Pape 2015