Hanser 2014
Hanser 2014

Daniel Schreiber – Nüchtern

 

Alltäglich

 

„Wer feiert, der kann auch arbeiten“, so heißt einer der markigen, „männlichen“ Alltagssätze. Der natürlich in die Richtung geht, ob ausgeweiteten Alkoholgenusses dann aber ja nicht die  Pflichten zu vernachlässigen. Was eben voraussetzt, dass jener übermäßige „Genuss“ stattgefunden hat. Und das nicht selten, wie die Verankerung dieser „Regel“ als Sentenz ja aufzeigt.

 

Verstaubt mag man solche männlich-rituellen Sprüche finden, doch viele solcher Alltagsweisheiten führen zu jener Erkenntnis, die Daniel Schreiber überzeugend in den Mittelpunkt seines neuen Buches stellt.

 

Alkohol ist ein wesentlicher, verbreiteter, alltäglicher, eng verzahnter Teil der Alltagskultur. Und das mit zu nehmendem  statt abnehmendem Maße. Was sicherlich allein schon durch die vergleichende Beobachtung gestützt wird, wie verpönt, in „Penner-Nähe“ es noch vor 25, 30 Jahren war, offen mit Alkohol über die Straße zu gehen, in der Bahn zu sitzen, sich zu oft und offensichtlich „die Kante zu geben“ und wie aaltäglich dies inzwischen, nicht nur in den Großstädten, geworden ist, jenes öffentliche Trinken und häufige Trinken und starkes Trinken.

 

Vom „Feiern“ zum ständigen „Gebrauch“, vom „Genuss“ zur „Sucht“ (und das in vielfältiger Form) ist es dann immer nur ein kurzer, oft kaum zu bemerkender, vor allem aber gesellschaftlich wenig problematisierter Schritt.

 

„Deutschland gehört mit seinem jährlichen Pro-Kopf-Konsum von 12,1 Liter reinem Alkohol zu den Ländern, in denen mehr als anderswo getrunken wird“.

 

All das ist natürlich nicht unbedingt neu. Statistiken sind seit Jahren öffentlich, Alkoholismus wird als Krankheit ernst genommen, doch im konkreten Gespräch sind es doch meist „irgendwelche anderen“, die davon betroffen sind. Der eigene Umgang mit Alkohol wird je wenig thematisiert und führt eher zu gereizten Reaktionen, wenn nicht locker gelassen wird.

 

Wie das Trinken von Alkohol und der Alltag zusammen gehören in Deutschland, wie sehr Alkohol „in der Mitte der Gesellschaft“ steht, das nun ist das interessante, der andere Blick, den Schreiber dem Leser mit seinem Buch eröffnet.

 

Und das, eine nicht einfache Gratwanderung, ohne erhobenen Zeigefinger. Sogar die positiven Aspekte stellt Schreiber differenziert hinaus in Richtung festigender, verbindender Rituale, die in vielfacher Form mit dem Alkoholkonsum einhergehen.

 

Momente und „Stärken“ des Alkoholkonsums, die Schreiber aus eigener Erfahrung

gut kennt und die er auch in der Gegenwart als Abstinenzler nicht leugnet. Gerade aber weil Schreiber nicht den moralischen Zeigefinger erhebt, gerade weil er so „nüchtern“ über sich und die vielfachen vermeintlich „anregenden, stützenden, genussvollen“, gesellschaftlich sanktionierten und ritualisierten Formen des Trinkens erzählt, gerade deswegen entsteht beim Leser ein tiefer Eindruck und ein allmähliches, fast automatisches reflektieren des eigenen Umgang mit dem Alkohol.

 

„Die simple Wahrheit ist, dass wir sehr viel mehr trinken, als früher“. Und dies zunehmend unreflektierter und zunehmend mit der Gefahr, die Grenzen vom „geselligen Genuss“ zum „Müssen“ zu überschreiten. Und wer ehrlich bei der Lektüre ist, wird sich in manchen der peinlichen Momente des betrunkenen Daniel Schreiber durchaus wiedererkennen. Momente, die zwar mit kleinen Scherzen, markigen Worten  fast in „Fronterfahrungsnähe“ oft nach außen abgetan werden, die aber dennoch die innere Scham nicht zum völligen Verstummen bringen werden.

 

Das alles legt Schreiber in anregender, verständlicher und unterhaltsamer Form vor und nimmt den Leser so umgehend emotional mit in die vielfältigen Situationen von der „angeheiterten Runde“ bis hin zu jenem „allein unter Trinkenden“, das nun Schreibers Alltag kennzeichnet.

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, auch wenn man meint, zum Thema alles schon einmal irgendwie gelesen oder gehört zu haben. Schreiber erzeugt Wirkung. Was die bei der Lektüre deutlich abnehmende Lust an „Abstürzen“ angeht.

 

 

„Momente der Klarheit sind seltsame Zufälle. Man muss sie beim Schopf packen“.

 

M.Lehmann-Pape 2014