dtv 2015
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David Adam – Zwanghaft

 

Erschreckend

 

Schon bei einer einfachen Unterhaltungssendung wie „Der Trödeltrupp“ sieht man als Zuschauer das ein oder andere Mal fassungslos zu, was eine „Sammelleidenschaft“ alles ausrichten kann und wie so manche Menschen in Schrott und Müllbergen versinken.

 

Wie auch andere dokumentarische Beiträge über „Messies“ einem die Verwunderung in die Augen treibt vor allem in der Hinsicht der „Bewertung“ der Gegenstände. Was offenkundig nicht mehr zu gebrauchen ist, längst keinen realen Wert mehr besitzt scheint für manche Menschen der größte Schatz der Welt zu sein. Schätze, die sich bis zur Decke stapeln und keinen Sitz und keine Liegefläche mehr freilassen.

 

Sicherlich nicht alltägliche, durchaus aber gar nicht so seltene „Zwangsstörungen“, wie man glaubt. Und nicht einmal die erschreckendsten Symptome einer solchen Störung, wie man diesem Buch von David Adam intensiv entnehmen kann (in dem er eine ganze Reihe massiver Zwangsstörungen sehr plastisch und lebendig dem Leser vor Augen führt).

 

Wo genau ist die Grenze? Ist dabei eine der wichtigen Fragen, denen Adam, selbst ein Mensch, der unter solchen Störungen massiv litt (und in Teilen noch leidet) formuliert.

 

Der „akribische Buchhalter“, den jede Firma und jeder mittelgroße Verein braucht, ist das schon „Zwang“, jeden Punkt und jedes Komma und jede Zahl perfekt niederschreiben zu müssen?

Jene, die dreimal sich vergewissern, ob die Tür abgeschlossen und das Bügeleisen abgestellt ist, bevor sie das Haus verlassen können (und dann immer noch in Gedanken alles noch einmal durchgehen).

 

Oder sind das „normale Vorgänge“, den Gedanken geschuldet, von denen Tolstoi sagte, „dass der Verstand unfähig ist, unerwünschte Gedanken zu vertreiben“ und braucht es doch massivere Symptome, um von einer „echten“ Zwangsstörung im Sinne einer psychologischen Angststörung zu sprechen? Denn um Angst geht es, das legt Adam verständlich dar.

 

Und aus der Angst heraus um die Kontrolle selbst unsinnig erscheinender Kleinigkeiten. Kleinigkeiten, die auch ohne erkennbaren realen Zusammenhang lähmende Gefühle hervorrufen. Wie jener Moment, an dem Adam mit einer kleinen Wunde auf einer Toilette sitzt und nicht mehr in der Lage ist, diese zu verlassen. Wie gelähmt schaut er gebannt auf den kleinen Blutstropfen und weiß letztendlich gar nicht, warum ihn das so völlig lähmt.

 

Was die Neurologie, die Psychologie, die Genetik, die Verhaltensforschung zu den Ursachen der Zwangsstörungen zu sagen haben lässt Adam bei all dem genauso sprachlich flüssig in seine Darstellung einfließen, wie er immer wieder Beispiele seines eigenen Erlebens anführt und auf andere massive Zwangsstörungen verweist.

 

Eine letztgültige, einfache und rationale Erklärung kann natürlich auch er selbst für die Ursachen nicht anführen, wohl aber zeigt Adam an seinem persönlichen Lebensweg und im Blick auf die gesammelten wissenschaftlichen Erkenntnisse im Buch die möglichen Behandlungsformen der Zwangsstörung und um Umgang mit derselben breit auf.

 

Eine interessante, intensive und nahe kommende Lektüre.


M.Lehmann-Pape 2015