Droemer 2013
Droemer 2013

Delphine De Vigan – Das Lächeln meiner Mutter

 

Schmerzliche Erinnerungsreise

 

Es ist ein Schock. Da ist der eigene Durchbruch als Schriftstellerin gelungen, eine Preisverleihung steht an, man geht die Mutter an einem Januarmorgen besuchen und da liegt diese tot in ihrem Bett. Ein Tod, der zunächst wie verschlossen in der Tochter liegt. Ein Buch hat sie in dieser Trauerphase zunächst fertig geschrieben und weiß gar nicht, wie. Angesichts dieses freiwilligen Scheidens aus dem Leben.

 

Doch dann spürt De Vigan, das es damit nicht getan sein kann, mit diesem „Sich Wegwenden“, und beginnt, den Nachlass der Mutter zu sichten. Alben, Briefe, Notizen, Erinnerungsstücke, Gespräche mit Verwandten, mit Geschwistern der Mutter und den eigenen Geschwistern. Solange und so intensiv, dass sich ein Bild beginnt zu ergeben.

 

„Und dann lernte ich, an Lucile zu denken, ohne dass mit der Atem stockte: an die Art, wie sie ging,...... wie sie die Zigarette fest eingeklemmt zwischen den Fingern hielt,... an das Zittern ihrer Hände“.

 

Ein Bild einer Frau und Mutter, die anders war. Die als Kind als Model gefragt war (und damit die ein oder andere Weihnachtsfeier der Familie maßgeblich mit finanzierte), die mit vielen Geschwistern in bürgerlichen Verhältnissen, ohne allzu großen Reichtum aufwuchs.

 

Die als Kind den Unfalltod eines Bruders (Antonin) zu verkraften hatte, ein Tod, an dem (fast) alle anwesend waren. Die den Pflegesohn, den die Familie einige Zeit später aufnimmt, zunächst kaum annehmen will. Eine Frau, die anders war und durchaus ihre „wahnsinnigen“ Momente hatte, die eine Weile lang keine Schecks mehr ausstellen durfte, da sie das Geld einfach so auf der Strasse verteilte. Eine Frau, die Teil dieser „vergnügten, vernichteten Familie“ war, die „wir bilden“.

 

Und De Vigan schreibt dies alles auf und vollzieht das Leben ihrer Mutter nach. Ein nicht einfacher Weg der Autorin, den der Leser ebenfalls mit begleitet im Buch.

„Es funktionierte nicht, es war nicht das Richtige, es hatte nichts mit dem zu tun, was ich wollte“.

Denn nicht äußerlich erzählen will De Vigan im Blick auf ihre Mutter, sondern „innerlich“, die Person erfassen, den Menschen erfahrbar machen. Ein Prozess, der gelingen wird, soviel kann vorweg gesagt werden. Und interessant ist es durchaus für den Leser, die einzelnen Etappen dieses inneren Schreibprozesses hier und da für einen Augenblick zu erleben. Einschübe, die dem Buch eine noch weitere, persönliche Note geben, als diese sowieso bei einem schmerzlichen Bericht über die eigene Mutter bereits im Raume steht.

 

Ein Lebensbild einer Frau, empathisch und feinfühlig erzählt, damit aber auch ein Zeitbild der 50er, 60er, 70er Jahre in Frankreich, in denen De Vigans Mutter aufwuchs. Unbeschwert, einerseits, dem Leben zugewandt, aber daneben auch mit dunklen Gefühlen, Ängsten, durchaus Depressionen zu nennenden Umständen zu Zeiten bei dem ein oder anderen Mitglied der Familie. Und mitten drin Lucille. Eine Frau mit Sehnsucht, die sich nicht wirklich angekommen fühlte, zu wohl keiner Zeit ihres Lebens. Die verschlossen war und dennoch zugewandt, die ihre dunkle Seite besaß und ihre Widersprüche und sich nie wirklich fand.

 

Ein persönliches, im Stil empathisches und wortreiches, Buch, dass den Leser berührt und, trotz der Geschichte einer ihm eigentlich fremden Familie an Grundfragen des Lebens und der Suche nach sich selbst heranführt.

 

M.Lehmann-Pape 2013