Theiss 2017
Theiss 2017

Douglas Smith – Und die Erde wird zittern

 

Schillernde Gestalt in weltenbewegender Zeitgeschichte

 

Untrennbar verbunden ist der Name „Rasputin“ mit dem Untergang der Dynastie der Romanows. Zum engen Umfeld gehörte diese schillernde Persönlichkeit, dieser selbsternannt (und vielfach auch so gesehene) „neuzeitliche Prophet“, dieser „Wunderheilers“ auch oder eher von eigenen Gnaden (aber auch mit Erfolg, wie die Vorkommnisse um einen Unfall des Zarewitsch zeigten, durch die Rasputin wieder engen Zugang zum Hof erhielt). Der ebenso begeisterte Anhänger (eben auch in Teilen bei den Romanows) fand, wie erbitterte Gegner und Feinde (dieser „heilige Teufel“).

 

Der, der einen Skandal auslöste, der dem innerlich schon wankenden Zarentum 1912 fast schon den Garaus gemacht hätte. Ein Skandal, der gerade in der Nähe zur Zarenfamilie, speziell der Zarin, Anlass für wildeste Spekulationen gab.

 

Ein Thema, dass Smith als Schwerpunkt bewegt. Das glänzende „Der letzte Tanz“ hat den Leser bereits in das Zarentum, die Atmosphäre in den Jahren kurz vor der Oktoberrevolution, bestens eingeführt. Und dort wie hier gilt, dass Smith nicht nur ein akribisch recherchierender Biograph ist, sondern auch ein talentierter Erzähler, der seine historischen Fakten in sehr flüssiger Form dem Leser zu präsentieren versteht.

 

 Die Geschichte eines einfachen, russischen Bauernsohns, der sich der Religion in Kinderjahren wohl bereits zuwandte (und dies, wie es seine Art war, mit aller Konsequenz vollzog). Der aber, anders als bei anderen Pilgern und Gottsuchenden, beim Volk kaum in den „Geruch des Heiligen“ eintrat, sondern in seiner öffentlichen Wirkung vielfach auf Ablehnung und Unterstellungen traf und damit insgesamt eine umstrittene, kaum wirklich zu fassende Person der Zeitgeschichte wurde.

 

„Es hieß, er gehörte einer bizarren, religiösen Sekte an, die den schlimmsten Formen sexueller Perversion frönten“.

 

„Es hieß, er sei ein Betrüger, der sich als frommer Mann ausgab“.

 

Der durch Intrigen und Täuschungen zur „wahren Macht hinter dem Thron“ aufgestiegen war.

 

So wundert es nicht, dass dieses Leben ein unnatürliches Ende fand. Und das nicht unbedingt von der Hand von völlig fremden, sondern ermordet von Personen des engeren Umfeldes des Zarenhofes.

 

Wie stark aber war der Einfluss dieses Mannes? Stimmt es, wie ihm allgemein vorgeworfen wurde, dass seine „politischer Dilettantismus“, seine „Einflüsterungen“ in das Ohr des Zaren den Weg in die Niederlage Russlands im ersten Weltkrieg verantworte? War die Zarin ihm „hörig“?  

 

Dennoch aber, und das stellt Smith eindrucksvoll klar, der Mann hatte Substanz. Eine selbsterworbene, tiefe psychologische Bildung in der Betrachtung und Bewertung anderer Menschen. Und tatsächlich zumindest „heilenden Einfluss“ auf den Zarewitsch, der sich nicht einfach so erklären und ebenfalls nicht einfach so zur Seite wischen lässt.

 

„Viele glaubten, der Bauer habe seinen eigenen Tod vorausgesehen und prophezeit, der Herrscher werde vom Thron stürzen, sollte ihm etwas zustoßen“. Und so ist es dann passiert.

 

Eine schillernde Person mit einem schillernden Leben in einer schillernden, die Welt verändernden Zeit. All dies fasst Smith in seine umfassende Biographie und damit gelingt es ihm, den Leser sehr konkret auf den Spuren einer konkreten Person auch emotional mit hineinzunehmen in einen wichtigen Abschnitt der Zeitgeschichte. Eine Geschichte, and er sich viel Lernen lässt im Blick auf Tendenzen zur Überhöhung, aber auch Verteufelung einer Person. Zu einer Zeit, in der „Fake-News“ noch nicht erfunden, die Gerüchteküche aber bestens funktionierte. Doch auch ehemals engste Freunde wurden zu erbitterten Feinden (wie der Priester Iliodor).

 

Ein Leben also, dass tatsächlich vielfach Anlass zur Reibung gab und das Smith nun historisch nachvollzieht, quasi von den Mythen entblättert und dem Mann wieder Fleisch und Blut gibt. In seinen Stärken, aber auch in seinen Schwächen.

 

Um zum Schluss zu kommen, dass am Ende gerade der Mythos den Mann ausmachte.

 

„Wirklich wichtig ist nämlich nicht, was für einen Einfluss Grischka (Rasputin) auf den Zaren hat, sondern was die Leute denken, was für einen Einfluss er hat. Eben das ist es, was die Autorität des Zaren…..untergräbt“.

 

Und damit ist diese Biographie auch ein zeitloses Lehrstück für die Macht der Suggestion, die in der Gegenwart wieder immens Fahrt aufnimmt.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017