Vindobona 2011
Vindobona 2011

Elisabeth Theres – Hoffnung in der Hölle der Angst

 

Massive Angststörung

 

Zu Beginn sei erwähnt, dass die Hinführung des Klappentextes des Buches „eine Vielzahl an Schicksalsschlägen, die NUR SELTEN so komprimiert eine einzelne Person trifft....“ nach de Lektüre des Buches nicht ganz nachzuvollziehen ist.

 

Väter sterben. Ehen gehen auseinander, dies sind eher alltägliche Dinge. Zudem wären sicherlich eine ganze Reihe der negativen Erlebnisse und Erfahrungen, die Elisabeth Theres erlebte, als Folge ihrer Erkrankung fast direkt zu bezeichnen. Der Verlust ihres Berufes. Z.B., ist nicht ein „unerklärlicher Schicksalsschlag“, sondern eben eine Folge ihrer inneren Angst, fast Panikzustände, die ihr auf Dauer ein Unterrichten und ein gedeihliches Miteinader im Kollegium nicht möglich machten (nach einem Jahr Krankenstand und ohne damals irgendeine Aussicht auf Besserung).

Dies gilt auch für einige andere, harte Momente auf diesem sehr besonderen und sehr nahegehend im Buch geschilderten Lebensweg. So stehen somit aber eben nicht unbedingt „Schicksalsschläge“ im Fokus der persönlichen und berührenden Geschichte der Autorin, nicht eine unglaubliche und zufällige Zusammenballung von Unglück. Wohl aber die Lebensreise einer Frau, die „wie aus dem nichts heraus“ plötzlich von Angst- und Panikattacken heimgesucht wurde und dies über Jahre, fast Jahrzehnte  hinweg als Teil ihres Lebens ertragen, erleiden musste. Mit gravierenden Folgen.

 

„Die Wangenknochen treten stark hervor, das Gesicht ist aschfahl. Auch die Waage zeigt nur noch 41 Kilo... selbst die engsten Hosen sind zu weit... nur ein Wunder kann mir noch helfen, aus diesem Teufelskreis zu entkommen“.

Das ist das Ende des ersten Teils des Buches. Das Ende einer Leidenszeit, die Jahre zuvor begann. Damals hatte Theres, glücklich verheiratet und motivierte Lehrerin, eine Krebserkrankung erfolgreich überwunden, eine starke Belastung natürlich. Und fast zeitgleich starb ihr geliebter Vater.  Ein Ereignis, dass Theres nicht wirklich, nicht gut verarbeitet bekam. Im Zuge all dessen traten von jetzt auf gleich Panikattacken auf. Eine tiefe, massive Angst, die mehr und mehr um sich griff, zu ständig „weichen Beinen“ führt, die das gesamte Leben einschränkte, veränderte, in Mitleidenschaft zog. Das Haus verlassen, die einfachsten Dinge wie Einkaufen, mit dem Hund herausgehen, kaum etwas war mehr möglich. Selbst wenn unter Einsatz starker Beruhigungsmittel später das ein oder andere, gar Urlaube, möglich waren, zu jeder Zeit konnte diese Angst lähmend in den Raum treten.

 

Ärzte, Psychotherapeuten, „Wunderheiler“, Tropfen von unbekannter Konsistenz, die Familie, nichts konnte wirklich helfen. Nach einigen Jahren zerbrach die Ehe, Beziehungen zur Familie stellten sich zunehmend als belastet dar, Freundschaften hielten nicht, im Zuge der Therapie entdeckte Theres die Konflikte der Beziehung zur Mutter, deren Thematisierung das Verhältnis auch in Spannung brachten. Eine zweite Ehe und Partnerschaft scheiterte just dann, als es besser ging, denn der neue Mann lebte wohl ein intensives „Helfersyndrom“ aus und hätte lieber weiterhin eine passive, kranke und auf ihn angewiesene Frau an seiner Seite gehabt.

 

All dies schildert Theres durchgehend intensiv und subjektiv, natürlich auch mit starken Wertungen ihren Mitmenschen gegenüber (ob der Bruder Thomas nicht doch auch Gründe für sein distanziertes Verhalten hatte? Ob die Trennung von Seiten ihres ersten Mannes nicht auch mit der massiven Belastung zusammenhing? Dies erfährt der Leser nicht, da das Buch allein aus Sicht und (Be-) Wertung der Autorin geschrieben ist.

In klaren Sätzen und einfacher Sprache gibt Elisabeth Theres einen intensiven Einblick in die Geschichte diese unerklärlichen inneren Zustandes, der ihr gesamtes, bis dato gewohntes,  Leben zerstörte. Erzählt von Therapien, Ärzten, „Wunderheilern“, Hoffnungen und niederschmetternden Rückschlägen, von Einschränkungen und Suizid Gedanken, von menschlichen Verlusten und gibt so einen intensiven und ungeschminkten Einblick in das Wesen der und das Leben mit einer Angststörung.  Bis hin zur quasi „Heilung“ mehr aus Zufall heraus, könnte man sagen nach all den Jahren ärztlicher Betreuung, Therapie und verzweifelter Versuche, eine Lösung zu finden.

 

Indirekt ist es dem Leser dadurch auch möglich, diese zunehmende Konzentration allein auf sich selbst nach zu erleben. Wo das Verhalten der anderen fast nur mehr in „Freund“ und „Feind“ unterteilt wird (intensiv zu erkennen an ihrem Verhältnis zum Bruder Thomas, lange Zeit positiv geschildert im Buch, als sich dieser aber dem neuen Hund und „besten Freund“ der Autorin gegenüber kritisch verhält, schwenkt dieses gute Verhältnis umgehend um. In der Bewertung der Autorin natürlich unverständlicherweise und ausgehend allein vom „unverständigen“ Bruder. Eine Haltung, die sich bei durchaus vielen Personen ihres Lebens weiter fortsetzt).

 

Ein intensives und bewegendes Buch. In der Intention verständlich, dennoch bedauerlich ist alleine nur, dass Stimmen „der anderen“, des ersten Ehemannes, der Geschwister vielleicht, nicht zu Worte kommen und daher deren Motive für ihr jeweiliges Handeln vom Leser nur per Fantasie erahnt, nicht jedoch konkret gefasst werden können. So verleibt ein ungeschminkter und aufrüttelnder Blick auf einen massiv belastenden, langen Lebensabschnitt der Autorin, der das Lesen lohnt.

 

M.Lehmann.Pape 2012