Hanser 2014
Hanser 2014

Emmanuele Bernheim – Alle ist gut gegangen

 

Ein Buch zur passenden Zeit

 

Es gibt sie, jene medizinischen Fälle, die quasi „vom Sterbebett aus“ eine nicht erwartete „Verlängerung“ erleben. Hoffnungslose Fälle, die sich doch noch einmal, wenn auch meist nur für eine gewisse „Gnadenfrist“ dem Leben zuwenden können.

 

Der Prozentsatz ist verschwindend gering.

 

In der Regel ist es für Ärzte, Angehörige, oft auch für die Betroffenen selbst erkennbar, das Sterben ansteht, der Tod in den Raum tritt. Immer mehr Menschen betrachten auch diese Phase des Lebens als eine, die selbstbestimmt gestaltet werden kann.

 

Angesichts des heutigen Wissens um die Begleiterscheinungen des Sterbens bei bestimmten Krankheitsbildern, angesichts manche innerer Haltung, nicht als rundum pflegebedürftige „Etwas“ enden zu wollen, wird der Ruf seit Jahren lauter, sich gesellschaftlich und politisch auch in Deutschland mit der Ermöglichung einer aktiven Sterbehilfe auseinanderzusetzen und so da, wo Familienangehörige oder gar Ärzte eine solche billigend in Kauf nehmen, eben keinen Straftatbestand mehr in den Raum zu setzen.

 

Das „aktive Sterben“ ist dabei immer noch ein Tabu. In Deutschland aus der unsäglichen Geschichte der Euthanasie im dritten Reich heraus und aufgrund der christlichen Prägung der abendländischen Kultur, aber auch aus einem genauen Beobachten heraus der Gefahr des Missbrauchs einer solchen aktiven Sterbehilfe in Nachbarländern. So verbleibt bis dato der selbstbestimmte Weg z.B. in die Schweiz und das Sterben „von eigener Hand“.

Dies ist auch das Thema dieses Buches.

 

Jo Roman hat im Übrigen den Vorbehalten bereits vor Jahrzehnten mit ihrem (schon früh im Leben beschlossenen und „ausgerechneten“) Plan des „aktiven Sterbens“ („Freiwillig aus dem Leben“) für eine breite und heftige Diskussion gesorgt.

 

Emmanuele Bernheims sensible Darstellung der Geschichte ihres Vaters und mit ihrem Vater eröffnet dem Leser nun einen emotionalen und doch auch sachlichen Blick auf die inneren Entscheidungsprozesse, die angesichts des Sterbewunsches eines geliebten und vertrauten Menschen stattfinden.

 

Ein  Buch, dass sich allein schon von der Darstellungskraft der Autorin her lohnt, zu lesen, dass in sehr persönlicher Weise, zum Ende hin dramatisch, die inneren Abläufe, die Entscheidungen, den inneren, vorbereitenden Weg in die Schweiz und die Ressentiments mancher aus der Umgebung und der Gesetzgebung in Frankreich trefflich und emotional dicht vor Augen führen.

 

Das innere Begreifen, die Planung, die surreale Momente im Kopf auslöst, das Erinnerungen frei setzt an den Vater und das zurückliegende Leben. Momente, die Bernheim nicht in der Breite rührselig auswalzt, sondern in genau dem richtigen Tonfall aus ihren persönlichen Eindrücken, Erlebnissen und emotionalen Momenten heraus.

 

„Vielleicht ist nun der Moment gekommen, mich in das Abschiedszzzzeremoniell zu stürzzzzzen, oder?“.

 

Und als Tochter dies bewusst und klar mit zu begleiten, den Vater zu warnen, nicht zu offen darüber zu sprechen, ein schwieriger, aber ebenso auch warmer, erinnerungsträchtiger und intimer Weg ist es, den Bernheim eindrucksvoll beschreibt.

 

 

Ein intensives, gut zu lesendes und stark zum Nachdenken anregendes Buch, eine sehr empfehlenswerte Lektüre über das selbstbestimmte Ende des Buches, dass auch auf die Diskussion zur aktiven Sterbehilfe zurückwirken wird.

 

M.Lehmann-Pape 2014