C.H.Beck 2017
C.H.Beck 2017

Eva Gesine Baur – Einsame Klasse

 

Aussagekräftige Biographie einer starken „Klasse-Frau“

 

Chopin und Mozart hat Eva Gesine Baur dem Leser in den letzten Jahren bereits bestens und „hautnah““ nahegebracht.

 

Nun wendet sie sich Marlene Dietrich zu. Weltstar. Diva. Im Muff der Nachkriegsjahre „Volksverräterin“ auch beschimpft, da sie sich in Kriegszeiten konsequent dem Nazi-Regime verweigerte und aktiv die amerikanischen Truppen unterstütze.

 

Dabei eine echte Persönlichkeit mit Ecken und Kanten, eine, die Stereotype oft durchbrochen hat und, nicht zuletzt, eine der hervorragendsten Schauspielerinnen ihrer Zeit.

 

Schlagfertig und nie um eine Antwort verlegen hat diese Marlene Dietrich ein um das andere Mal die gängigen Konventionen nicht einfach durchbrochen, sondern für sich grundsätzlich nicht gelten lassen. Was ihr ausschweifendes Liebesleben anging, was ihre Mutterschaft anging, ihren Auftritt, ihre Kleidung und ihr Beharren auf dem ganz eigenen Weg.

 

Eigenschaften, die Eva Gesine Baur bestens und feinfühlig im Buch herausstellt und dem Leser die Persönlichkeit „der Dietrich“ emotional nah in ihren inneren Motiven kommen lässt.

 

Eindrucksvoll auch da, wo es hässlich wird, wo eine Frau ihr im Hotel in Deutschland ins Gesicht spuckt, wo Marlene Dietrich dünnhäutig wird, um Fassung ringen muss. Was selten bei ihr vorkam.


„…trotzdem findet Marlene nicht zu der Sicherheit, für die sie bekannt ist“.

 

„Der Schwefelgestank von faulen Eiern setzt sich nicht nur in der Nase, sondern auch im Unbewussten fest. Nur eines rettet sie: dass der Ablauf exakt duchkalkuliert ist. Jede Geste, jeder Schritt“.

 

Wobei diese Momente tatsächlich nicht generell der Person der Dietrich entsprechen. Sie war tatsächlich eine grundlegend starke und in sich sichere Frau, auch wenn, natürlich, der ein oder andere private oder, wie beschrieben, berufliche Moment sie auch im Inneren erschütterte.

 

Eine Stärke aber, die sich auch von einem Sturz von der Bühne samt Schulterbruch nicht davon abhalten ließ, souverän und scheinbar entspannt das Programm zu Ende zu bringen.

 

Die auch im Alter ihren Biss nicht verlor.

 

Die ein „intimes Tagebuch“ führte, in dem akribisch vermerkt war, mit wem sie das Bett geteilt hat.

 

Wenn Ihre Replik auf Leni Riefenstahls Memoiren darin besteht, öffentlich kundzutun:

 

„Sternberg und Remarque, den Leni als Freund bezeichnet, würden sich totlachen, wären sie nicht schon tot“.

 

Und Remarque vor allem konnte sie „hautnah“ einschätzen.

 

Von Beginn an über das Aufwachsen, die ersten Schritte auf der Bühne, die tosenden Erfolge, der Gang nach Amerika, das Werben des Hitler-Regimes um den einzigen deutschen Star von Weltruf, die Rückkehr nach Deutschland als Künstlerin, das „sich einbunkern“ in Paris, die Verweigerung dringend notwendiger ärztlicher Hilfe und chirurgischer Eingriffe 1992 nach einem Sturz bis hin zum Tod. Bis hin zum letzten, spürbaren Schmerz über eine zentrale, in ihren Augen „unerwiderte Liebe“.

 

 

Das aber sollte jeder Leser selbst für sich aus diesem eindrucksvollen, sehr flüssig zu lesenden und sehr kenntnisreichen Buch herauslesen.

 

M.Lehmann-Pape 2017