C.H.Beck 2014
C.H.Beck 2014

Eva Gesine Baur – Mozart. Genius und Eros

 

Das Helle und das Dunkle der Person

 

Könnte man sich vorstellen, dass ein „ganz normaler“ Mensch, vielleicht einer geregelten Arbeit nachgehend, in sich ruhend und ausgeglichen auf der anderen Seite in seiner „Freizeit“ Werke von jahrhundertelanger Bedeutung schafft?

 

Eigentlich ist offenkundig ist, dass ein gewisses Getrieben-Sein, eine gewisse Selbstdarstellung , Egomanie, oder, wie Baur es ausdrücken würde, eine „Dissonanz“ in der Person fast schon vorhanden sein muss, um einen Wunsch nach künstlerischem Ausdruck in sich Raum zu verschaffen. Ein innerer Druck, eine beständige innere Reibung, ein grundlegendes inneres „Ungleichgewicht“, dass danach drängt, sich nach außen Ausdruck zu verschaffen.

Es ist  fast logisch und natürlich (auch wenn Ausnahmen die Regel bestätigen mögen), dass „Jahrhundertgenies“ sich kaum „normalen“ Maßstäben unterwerfen lassen.

 

Und Mozart bildet darin nicht nur keine Ausnahme, sondern bietet eine solch schillernde Persönlichkeit zwischen unsterblicher Musik und intriganter Haltung, zwischen konzentriertem, manischem Hineinstürzen in das Komponieren und dem Ausufern und Weggleiten in privaten Emotionen und Leidenschaften (natürlich auch, was den Eros im engeren Sinne angeht), dass es im Lauf der Lektüre als fast ein Leichtes anmutet, die knapp 400 biographischen Seiten des Buches (mit dann zusätzlich reichlich Anmerkungen und Verweisen) mit dieser speziellen Sichtweise zu füllen.

 

Wobei „Eros“ eine tragende, zentrale, entscheidende Rolle spielt. Im umfassenden Sinne des Wortes, nicht auf reine (modern verstandene) sexuelle Bereiche sich reduziert.

 

Zum näheren Verständnis der Grundgedanken und Herangehensweise Baurs findet sich als erster Teil des Anhangs auch Der „Dialog über den Eros“ aus Platons „Symposion“. Dieser Gott Eros, der zugleich „ein großer Gott und schön“ ist, als auch die „Schattenseite“ in sich trägt, „weder schön noch gut ist“.

 

Denn auch die Musik und Person Mozarts schöpft sich aus der Leidenschaft, aus der Fülle der Lust, aus den Polen der höchsten, inneren Bewegung her, in beide Richtungen des Pendels ausschlagend.

 

Einer, der nicht nur Werke von dauerhafter Bedeutung hinterlassen hat, einer, der so ziemlich allen professionellen Musikern und begeisterten Hören als „das Genie“ der Musik gilt, einer wie er, der innerlich und äußerlich ständig in Bewegung war, der „überfloss“ im positiven wie negativen Sinne hat neben diesen „fertigen Werken“ ebenso eine hohe Zahl von Ansätzen, dahingeworfenen Ideen, Fragmenten hinterlassen.

 

„Seien sie fleißig, fliehen sie den Müßiggang“ rät Mozart Edmund Weber. Und drückt darin weniger eine „Werteüberzeugung“ aus, sondern viel mehr tatsächlich die Grundbefindlichkeit seiner eigenen Person. Im „Tun“ sich zeigen (müssen).

 

Eine „Maßlosigkeit“, die in diesem Extrem selten so sichtbar vorliegt. Einer, der sich unendlich inszenierte und zugleich kreativ überfloss, der als private Person beileibe nicht einfach im Umgang und nicht „freundlich“ war, der an sich und seinem Aussehen, vielleicht an sich und seiner eigenen Person wohl litt und dies durchaus nach außen zu werfen verstand. Einer, der andererseits bis zum heutigen Tag Millionen von Menschen durch „Schönheit im Werk“ zu berühren versteht.

 

Ein Indiz, ein wichtiger Hinweis auch in der Betrachtung Baurs, diesem „Inneren Mozarts“ (der im Übrigen im persönlichen Umgang ebenso zwischen liebenswürdig und dem Verhalten eines echten Ekels zu schwanken vermochte) nahe zu rücken.

 

 Ein Mensch in Widersprüchen, einer, der Reibung in sich trug und Reibung verursachte, einer der „dem Schönen“ gegenüber nicht nur aufgeschlossen gegenüber stand, sondern diesem zwanghaft nachjagte.

Zwischen Armut und Verschwendung, auch das stellt Baur überzeugend dar, wie einer, dem das Leben irgendwie „zwischen den Fingern zerrann“, nicht aber sein Talent.

 

„Eros ist ein „Mittelding“, etwas zwischen dem Sterblichen und Unsterblichen. Ein Dämon. Immer ein Bote. Bei den Menschen ist er Bote der Götter und bei den Göttern Bote der Menschen“.

 

Eine Einschätzung aus dem „Symposium“, die Baur überzeugend in ihrem Buch erhärtet und damit den Lesern ein klares und griffiges Bild Mozarts vermittelt.

 

Flüssig, klar, mit fundiertem Wissen und darüber hinaus noch überaus unterhaltsam zu lesen, bietet Gesine Baur einen ganz eigenen Blick auf die Person Mozart.

Eine Werkkunde hat der Leser in dieser „persönlichen Biographie“ weniger zu erwarten, obwohl natürlich die Musik ihre Rolle im Buch spielt, wohl aber ein tiefes Ausleuchten des „Hellen“ und „Dunklen“ in der Person Mozarts.

 

Eine Lektüre, die den Menschen Mozart lebendig auf die Seiten bannt, die ihn in vielen seiner Widersprüchlichkeiten darstellt und damit für den Leser überaus greifbar herausarbeitet.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014