Piper 2012
Piper 2012

Eva Rieger – Friedelind Wagner

 

Die etwas andere „Wagner“

 

Im Lichte der Macht sonnten sich die Mitglieder Familie Wagner in und um ihr Festspielhaus und die alljährlichen Wagner-Aufführungen immer schon gerne. Eng verbunden war das Haus vor allem mit dem düstersten Kapitel der deutschen Geschichte, dem Nationalsozialismus. Hitler als gern gesehener Gast, als Freund der Familie, als Gönner. Eine Liaison, mit der sich beide Seiten zu Zeiten zu schmücken wussten und die bis heute ihre Schatten wirft.

 

Eva Rieger hat sich nun in ihrer ausführlichen, fundiert recherchierten und ebenso breiten wie tiefen Biographie jenem Familienmitglied der Wagners zugewendet, das als einziges damals nach einer Zeit innerer Entwicklung Abstand wahrte zu Hitler und der Führung des dritten Reiches. Eine Wandlung in den Überzeugungen, ein Abstand, der nicht immer einfach zu wahren war und durchaus für massive Spannungen sorgte. Bis hin zur Emigration Friedelind Wagners. Und damit auch bis zum Bruch mit der eigenen Familie. Ab 1940 führte der Weg über zunächst England dann nach Amerika. Wobei, auch das sei nicht verschwiegen, der Name durchaus  ein (von ihr genutzter) Türöffner, wenn auch nicht der Garant für materielle Sicherheit, war.

 

Vielfach sind die Details, die Eva Rieger dem Leser mit auf den Weg gibt, erkennbar ist, dass sie sich mit ihrem Objekt, aber auch der gesamten Familie, intensiv beschäftigt hat. Wobei, ein wenig störend, doch immer im Hintergrund die persönlichen Präferenzen Eva Riegers deutlich erkennbar sind. So lenkt sie den Eindruck Friedelind Wagners durchaus des Öfteren ohne zwingende Argumentation, wohl eher aus eigenen Überzeugungen heraus, in den Bereich der Emanzipation und des Feminismus, stellt Friedelind Wagner als eine Frau dar, die eben als Frau mit Kraft in einer männerdominierten Welt der 30er, 40er und 50er Jahre ihren Weg sich fast ertrotzte. Dies geben die Fakten so allerdings nicht her, Rieger selbst lässt ja keinen Zweifel daran, dass Friedelind Wagner durchaus um die Kraft ihrer Herkunft und ihres Namens wusste und dies versuchte, zu nutzen. Auch wenn natürlich auch Kämpfe um den Broterwerb im Raume stehen. Damit steht Friedelind aber nicht alleine zu jener Zeit und das allein ist noch kein Grund, auf der „Frauenfrage“ hier zu sehr zu beharren.

 

Dennoch,  durchaus lohenswert und interessant zu lesen ist, wie Friedelind Wagner den „Kopf über Wasser“ hielt, viele Arbeiten annahm, annehmen musste und in materieller Unsicherheit den Weg suchte. Eine Unsicherheit, die auch nach der Rückkehr nach Deutschland noch andauerte. Das angespannte und mit Reibung versehene Verhältnis zur Familie steht durch Rieger ausführlich beschrieben im Raum und gibt einen durchaus tiefen Einblick in die „Sonderwelt“, in der „die Wagners“ sich selbst und im Verhältnis untereinander aufhalten. Ein Anpassungsdruck, der bis heute anhält und, dies arbeitet Rieger ebenfalls gut heraus, dem sich Friedelind Wagner Zeit ihres Lebens zu widersetzen verstand. Mit durchaus materiellen, künstlerischen und, sicher auch, emotionalen Belastungen für sie selbst.

 

Einen gemischten Eindruck hinterlässt das Buch. In Teilen sehr kleinteilig (bis hin zu pro und contra einzelner Aufführungen in den späteren Jahren) und hier und da mit zuviel „Erkennbarkeit“ der persönlichen Überzeugungen der Autorin, mit zuwenig Distanz zum Objekt der Darstellung. Andererseits finden sich vielfache Hintergrundinformationen zur Familie Wagner und eine fundierte Darstellung der Lebensstationen Friedelind Wagners, ihrer „Kraft zum Widerstand“ gegen allen Anpassungsdruck und der Suche nach einem (gesicherten) Platz im großen Gefüge der Wagner-Familie. Alles in allem durchaus interessant zu lesen, wenn auch hier und da zu subjektiv in der Darstellung.

 

M.Lehmann-Pape 2012