Suhrkamp 2014
Suhrkamp 2014

Felix Hartlaub – Aus Hitlers Berlin 1934-1938

 

Deformationen des Lebens

 

Es ist die Zeit der Konsolidierung, der Gleichschaltung, des „sich Einrichtens“, (endlich) in der Macht. Nach der Wahl zum Reichskanzler 1933 führt Hitler seine Getreuen gegen all jene, die für ein anderes Denken standen.

 

Ereignisse, die gerade in der Hauptstadt Berlin intensiv und umfassend zu sehen, zu erleben waren. Der Ende des Krieges verschollene Felix Hartlaub hat mit seinem klaren, historischen Blick nicht nur den Krieg später dokumentiert, literarisch reflektiert, sondern auch in jungen Jahren als Student in Berlin die Atmosphäre der Zeit, die zielgerichtete Veränderung der Gesellschaft, des öffentlichen Lebens wie auch die inneren Entwicklungen mit offenem Blick beobachtet und in diesem nun erschienen Werk auch für das Heute dem Leser zur Einsicht und Ansicht offen gelegt.

 

Zur tatsächlichen Ansicht auch mit, denn neben den textlichen Charakterisierungen sind es auch Skizzen mit teilweise knappen „Bildunterschriften“, die je prägnant den ein oder anderen Aspekt des Erlebens illustrieren. Interpretierende Skizzen, die „den Punkt treffen“, wie man am Beispiel des „Nachtalarms“ hervorragend erkennen kann.

 

Der aufrechte Soldat mit der lauten Trompete und die fast am Boden kriechenden „Soldaten“ sprechen hier eine klare und eindeutige Sprache samt Hartlaub selbst, der umgehend den Schlüssel zu seinem Spind (wohl aus Schreck) verloren hat.

 

Und dazu die vielfachen literarischen Eindrücke in skizzenhafter Form, teilweise fast wie nur in Stichworten dahingeworfen, angefangen bei der Zimmersuche des jungen Studenten in Berlin. Was für eine Zeit, in der an allen Ecken möblierte Zimmer jeder Preiskategorie angeboten wurden.

 

Aber auch die ersten Keime eines Widerstandes in fast atemloser Sprache:

 

„Poltischer Umsturz hat stattgefunden. Sie steigern sich in kindliche Hass- und Verschwörungsstimmung hinein….fühlen sich beobachtet, überwacht, sehen überall Verhaftungen, Razzien etc. und dann der kindliche Versuch, ein Attentat zu begehen, im Ansatz schon gescheitert und mit tiefer Erleichterung der bebende Atem beruhigt.

 

Oder die „10 Gebote“ der Anfänge des Militärdienstes aus den Augen Hartlaubs, die vor allem eines beinhalten: nicht auffallen, nicht vortreten, nicht den sozial Höhergestellten geben.

 

Fragmente vielfach sind es, die hier in sorgfältig editierter Form vorliegen, kurze Einblick, die kein umfassendes Bild der Zeit ergeben, wohl aber der inneren Befindlichkeit Hartlaubs (in dieser Zeit) ebenso Ausdruck verleihen , wie sie seine ganz besondere Sprache zur Geltung bringen.

 

Einer, der es gut versteht, nicht aufzufallen und damit Beobachter sein zu können.

 

„Einzig im Prüfungsfach „Tarnung“ konnte der Schütze Hartlaub die Zufriedenheit seiner Vorgesetzten erwecken“. Und als kritischer Beobachter damit eben aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit heraus bleiben.

 

Ein Buch, das eher für Hartlaub Interessierte geeignet ist, das aber dem allgemeinen Leser doch hier und da Innensichten der Zeit erlaubt, eigene Erfahrungen des „hinein Gleitens“ in das „neue System“, die in ganz besonderer Weise fragmentarisch, skizzenhaft und in einer reduzierten Sprache vorliegen.

 

 

Eine durchaus empfehlenswerte Lektüre, wenn man sich diesem besonderen Autor und seiner kurzen Schaffenszeit nähern möchte.

 

M.Lehmann-Pape 2014