Berlinverlag 2017
Berlinverlag 2017

Florian Huber – Hinter den Türen warten die Gespenster

 

Der gesellschaftliche Kern der 50er Jahre

 

„Was bei uns passiert, geht keinen was an“.

 

Ein Satz, mit dem so ziemlich alle bekannt sind, die in den 60er, auch noch 70er Jahren aufgewachsen sind. Ein Satz, der die „Schutzhöhe“ Familie kennzeichnet, im guten Sinne, ein Satz aber auch, der, gerade nach dem Krieg und der Verstrickung von Millionen Deutschen in den unseligen Staat zuvor auch Ausdruck davon gibt, dass so manche „Familiengeheimnisse“ vor allem eins zu bleiben hatten, nämlich öffentlich nicht bekannt.

 

Das Bild der Familie, der Frau, die Erziehung der Kinder, das Verlangen nach der Geschlossenheit der eigenen vier Wände, all das prägte die Zeit nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und der Aufbaujahre in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die „heile Familie“, alles wurde dafür getan, diesem Ideal nahe zu kommen, vor allem aber um jeden Preis den Anschein einer solchen zu erwecken, auch wenn es hinter verschlossenen Türen und in der Vergangenheit der „Familienoberhäupter“ und ihrer „Frauen“ ganz anders aussah.

 

Und doch war diese Reibung, dieses Aufeinandertreffen von Legend und Wahrheit, von Verschweigen und Nachfragen durch die jüngere Generation nicht aufrechtzuerhalten, letztlich. Die sogenannten „68er“ hat es in dieser Form eben nur aufgrund dieser Lebensumstände, dieses „Nicht Antwortens“, dieser Fassade, die mit aller Strenge mancherorts aufrechterhalten wurde, nicht gegeben.

 

Wie auch schon die „musikalische Befreiung“, so harmlos und angepasst und den gesellschaftlichen Zielen entsprechend diese auch war, bereits alle Gegenkräfte auf den Plan riefen. In der dumpfen Ahnung, dass es nicht viel an „Rebellion“ und eigenständiger Jugendkultur bedürfen würde, um aus dem Gefühl von „Freiheit“ ein unbequemes Nachfragen und „In Frage stellen“ zu generieren. Wie es ja auch geschehen ist.

 

In den Familien, in denen überwiegend Männer behaupteten, die Richtung angeben zu wollen, die einerseits traumatisiert und andererseits, kollektiv, „Dreck am Stecken“ hatten durch ihre (natürlich oft auch erzwungene, nicht selten aber überzeugte und begeisterte) kämpferische Mitwirkung an jenem unseligen „1000jährigen Reich“ und seiner ebenso unseligen Ideologie.

 

Gebrochene Menschen, Millionen von Flüchtlingen, aus Gefangenschaft heimkehrende, in der Heimat die Trümmer wegschaufelnde Menschen, Männer und Frauen, die die äußere heile Welt selber kaum in Einklang brachten mit den inneren Erlebnissen und den inneren Zuständen, die daraus resultierten.

 

Eine Gemengelage, zu der auch gehört, dass in den Kriegsjahren beide Seiten sehr, sehr getrennt voneinander das Überleben angingen und sicherten. Wie so mancher Mann unverhofft aus dem Krieg zurückkehrte, für tot gehalten, als Fremder, der plötzlich mit am Tisch saß. Wie sich Frauen in den Jahren um das Kriegsende herum und danach vielfach aus der Not, dann aber auch mit Selbstbewusstsein, selbst zu helfen wussten. Aber auch traumatisches und bedrohliches erlebt hatten als Opfer, wo die Ehemänner nicht selten an anderem Orte Täter waren und die Taten nun nicht einfach innerlich ausradieren konnten.

 

Eine Gemengelage, die Florian Huber sehr bildkräftig und sehr kundig dem Leser vor Augen führt und, mehr noch, darüber hinaus in jenen Jahren bis in die Mitte der fünfziger Jahre hinein eine ganze „Gesellschaftskunde“ entfaltet, die bis in die Gegenwart nachwirkt. Denn die Kinder jener Tage und deren Kinder sind tief geprägt durch dieses „Gewusel“ an Familie, an sozialen Strukturen, an Ressentiments und ausweichender Haltung.

 

Fäden nimmt er dabei auf, die an konkreten Personen sich festmachen, die nicht abstrakt Zusammenhänge versuchen, herzustellen, sondern an denen er ganz konkret jene Zeit lebendig werden lässt.

 

Sei es jene Frau, die eine „Frau mit vielen Geheimnissen war“, Mutter eines unehelichen Kindes (was nicht selten war in einer Zeit, in der „Blitztrauungen“ kaum mit der Gefallenenliste nachkamen), aber auch verstrickt in das Regime, was tunlichst nun nicht ans zu sehr ans Tageslicht kommen sollte.

 

Oder Monika Jetters Vater, 30 Jahre auf der Suche nach einem besseren Leben und dann 1946 plötzlich mit am Tisch saß. Und über Jahre hinweg nur „Kind“ oder „Soldat“ gewesen sein wollte, das „Dazwischen“ wurde als „dunkles Loch“ in den Raum gesetzt und einfach als „Nicht-existent“ gekennzeichnet.

 

 

Eine sehr anregende Lektüre, eine intensive Auseinandersetzung mit einer sehr speziellen Zeit, in der er „alte“ und „neue“ Welt, tradiertes Familienbild und vielfache persönliche Brüche, eine unheilige Allianz eingingen, vor allem zu Lasten der nachfolgenden Generation.

 

M.Lehmann-Pape 2017