S.Fischer 2012
S.Fischer 2012

Florian Illies – 1913

 

Assoziatives Tagebuch eines Jahres

 

2013 steht vor der Tür und Florian Illies schaut ein Jahrhundert zurück. In eine Zeit, ein Jahr hinein, das prall gefüllt war mit Kunst und Künstlern, mit abergläubischen Wegbereitern neuer Musik (Schönberg, der durchaus panisch zu nennen alles vermied, was irgendwie mit der Zahl „13“ zu tun haben könnte), mit persönlich zwanghaften fast „Kunsthandwerkern“ (Thomas Mann), mit Schriftstellern, die ermattet und voller Ängste fast dabei waren, sich selbst zu verlieren (Musil, Kafka), mit Malern, denen (nicht nur, aber auch), in jenem Jahr Großes gelang (Franz Marc).

 

Mit vielen kleinen Einträgen geht Illies durch die Monate dieses Jahres, in dem die Bohemien Höhepunkte erlebte (bei 30 Pfennig für einen großen Teller Erbsensuppe und Brot so viel man wollte). An dessen Jahresende Ernst Troeltsch treffend formuliert: „Es ist die alte Geschichte, die wir alle kennen und die man eine Zeitlang den Fortschritt genannt hat“, oder, im gleichen Buch, „überreich an Kulturwerten, sieht (dieses Jahr) aber zugleich eine steigende Abstumpfung und Oberflächlichkeit der Massen“.

 

Illies gelingt es unter Auswertung vielfacher Quellen in seiner ganz besonderen, eleganten Sprache, die Atmosphäre jenes Jahres, jener Zeit vor dem „Wendepunkt der Zeiten“ einzufangen. Er lässt den Leser hineinschauen in die charakterlichen Eigenarten, die kleinen Ereignisse, das Denken und private Leben von Menschen, deren Name heute noch groß geschrieben wird. Wie Freud eine zugelaufene Katze auf seinem Diwan pflegte. Wie Kafka über 200 Briefe voller sehnsüchtigem Gefühle und dennoch „kafkaesker“ Verdrehungen an seine ferne und persönlich noch unbekannte Geliebte schreibt. Briefe, in denen letztendlich die mögliche Liebe aus der Angst Kafkas vor eben dieser sexuellen Nähe heraus zerrfasern wird. Illies zeigt, wie strikt es im Hause Mann zuging, woher der Name „Zauberer“ genau stammt und führt auch in die äußern Ereignisse des Jahres, in dem in Wien Hitler im Männerwohnheim vor sich hin malte, von gelegentlichen Spaziergängen im Schlosspark unterbrochen, indem zur gleichen Zeit Stalin im Exils seine Wege zog. Räumlich näher kamen sich beide, unbekannterweise, nie mehr.

 

Rilke muss zum Zahnarzt, Alfred Kerr zerreißt ein Stück Thomas Manns mit innerer Genugtuung (hatte er doch auch ehemals um Katia Mann gefreit. Jung und Freud treffen sich ein letztes Mal auf einem Kongress. Einander kühl ignorierend. Und Bertold Brecht erhält nicht die Bestnote für einen Aufsatz, obwohl schon der kurze Satz, den Illies im Buch zitiert, Schüler heutzutage fassungslos vor so bildkräftiger Ausdrucksweise erstarren lassen würde.

 

Ein Jahr reich an ausufernder Kunst und doch, wenn man genau liest, menschlicher Kleingeistigkeit. Denn dies vor allem zieht sich durch all die Anekdoten, die Illies sammelt, schaut man allein auf Stefan George und dessen Umgang mit der (männlichen ) Jugend. Das Ego ist je groß. Alles kreist, denkt, windet sich um sich selbst. Jede Kleinigkeit erhält fast dramatische Überspitzungen. Die Eitelkeit ist groß, die duldsame Toleranz und Kritikfähigkeit sich selbst gegenüber nur mager ausgeprägt.

 

Hoch begabte Egomanen taumeln durch die Zeit und so mancher spürt, wie Troeltsch, dass dieser Boden nicht fest genug ist, diese Haltung zu unberechenbar, um ein allgemein solides und sichere Gebäude.

 

Treffend und sprachlich mit hoher Qualität nimmt Florian Illies den Leser mit auf eine Zeitreise, die doch im Wesen all der vielen Personen, die er in Anekdoten zeichnet, fast modern wirkt. Nur dass in Tiefe und Ausdruckskraft das Jahr 1913 dem Jahre 2013 um Welten noch vorausliegt.

 

M.Lehmann-Pape 2012