Edition Lammerhuber 2015
Edition Lammerhuber 2015

Florian Müller – Sessions

 

Faszinierende und reale Einblicke in eine eher verborgene Welt

 

Wenn der Kopf an der Wand fixiert ist und sich der Mund unter der Gummi-Maske zugleich qualvoll und lustvoll zu öffnen scheint, wenn einer oder eine im Latex-Anzug mit aus gleichem Material gestalteter Hundemaske und Halsband im Heu wie dahingeworfen liegt, wenn eine im engen Käfig im hauchdünnen Latexkleid eingesperrt wird, dann ist man ganz eindeutig in der Welt des Fetisch, des BDSM, der „Sessions“ angelangt.

 

Natürlich keine unbedingt unbekannte Welt mehr in den letzten Jahren und Jahrzehnten, aber dennoch eine, die eher in privaten Clubs, im privaten Beriech, hinter verschlossenen Türen stattfindet. Eine Welt, die mit der gelackten Oberfläche eines „Shades of grey“ kaum korrespondiert, sondern ihren Fetisch, ihre besonderen Neigungen, direkt und klar auslebt.

 

„Ich habe versucht, nicht an Latex zu denken, es war eine Qual“.

 

Eine vordergründige Ausrichtung auf „Maskerade, kafkaeske Szenen, Totentänze, Verwandlungen zum Tier, zum Sklaven….:“ in deren Hintergrund sich aber Geschichten von Menschen verbergen, die man ob der Auge-füllenden des Tuns leicht übersehen kann.

 

Florian Müller hat sich in diese Welt hineinbegeben, intensiv und mit einem Blick für das Wesentliche ausgestattet. Weit entfernt von Pornographie oder „anrüchigen“ Fotografien bildet Müller mit der Kamera in klar kontriertem, kontrastreichem schwarz-weiß die Welt des Fetisch ab. Verbunden mit Gummi und Latex, mit Masken und Stellungen, mit Haltungen und der kühl wirkenden Atmosphäre, hinter denen sich die Leidenschaft immer wieder zeigt.

 

„Man muss sich die Gelüste der Menschen als ein Meer aus bunten Murmeln vorstellen. Unmöglich, sie alle zu zählen. Und ständig findet man eine, die man noch nicht kannte“.

 

Eine wahrhaft andersartige, erstaunliche, hier und da erschreckende, manchen durchaus auch ebenfalls hier und da abstoßende Reise in „besondere Gelüste“, die Müller auf den Punkt bebildert und ablichtet.

 

Ergänzt nicht durch ausufernde Geschichten oder Erklärungsversuche, die den wuchtigen Eindruck der Fotografien zu sehr stören, relativieren würde, aber mit einer aussagekräftigen Einführung und immer wieder eingeschobenen, kurzen, prägnanten, treffenden Aussagen versehen.

 

Ein Werk, dem es im Gesamten gelingt, durch die Fotografien den Bick „dahinter“ zu ermöglichen, eine Ahnung von den „Geschichten“ zu erhalten.

 

Ein spannender Bildband aus ansonsten eher versteckten „Welten der Lust“. Auch wenn das ein oder andere der Bilder an öffentlichen Orten entstand (wie jene Gruppe in der U-Bahn, die wie aus einer anderen Welt da sitzt).


M.Lehmann-Pape 2015