Artemis und Winkler 2010
Artemis und Winkler 2010

Florian Neuhann – Theodula und ich

 

Lebensklugheit

 

Kann man von einer 89jährigen Nonne etwas über das Leben in der "echten" Welt, Frauenrechte, politischen Kampf und Sex erfahren, außerhalb von Gebet, Spiritualität und vielleicht noch staubtrockener, katholischer Dogmatik? So, dass das Gesagte auch eine Bedeutung für das eigene, ganz normale Leben im 21. Jahrhundert in sich trägt?

Man kann und das nicht zu knapp. Nicht nur, wenn man der Großneffe dieser Nonne ist, mit Ihre als Journalist auf Reisen geht und dabei jene Orte besucht, an denen Theodula tatkräftig, lebensklug und immer der realen Welt ganz zugewandt gelebt und gewirkt hat.

Ein nicht nur innerlich bewegtes Leben.
Ordensschwester, klar. Aber auch die erste weibliche Professorin an einem katholischen Priesterseminar, Widerstandskämpferin gegen das Nazi Regime und gegen die Apartheid in Südafrika. In bewusster Auseinandersetzung gegen die Sexualmoral der katholischen Kirche.
Ein (Glaubens-) Leben lang folgte Theodula ihrem ganz persönlichen Credo und Auftrag: "Die Schlafmützen aufwecken". Aufwecken für die echten Probleme und offen liegenden Bedürfnisse der Menschen in dieser Welt.

Florian Neuhann begleitet seine Großtante auf ihrer Reise durch ihre persönliche Vergangenheit und sammelt eine Vielzahl von Lebensschätzen in den Gesprächen auf der Reise. Intensiv versteht er zu schildern, wie Theodula die Haltung ihrer Kirche in der Frauenfrage anprangert und nicht nur in Gedanken offen dagegen Stellung bezogen hat. Sie hat sich, trotz mancherlei Einschüchterungen, nicht mundtot machen lassen. Wenn sie von dem persönlichen Gefühl der Erniedrigung spricht, wächst die Hochachtung des Lesers und die Einsicht, dass ein Wegweichen nie die Lösung für einen selbst sein kann.

Gerne ist sie Frau und hat ihr Frausein immer angenommen, auch wenn sie gelernt hat, in jeder Situation ihren Mann zu stehen. In großer Gewissheit verweist sie darauf, dass Gott ihr die Kraft gegeben hat, in den Kämpfen mit den Männern nicht zu zerbrechen.

Auch bei heiklen Themen, die dem Autor selbst leichte Magenschmerzen bereiten, stellt sich heraus, dass Theodula wesentlich weniger Berührungsängste und stammelnde Scheu kennt. Sie scheut kein offenes Wort über Sexualität und ihren eigenen Umgang mit dieser menschlichen Urenergie. Dabei begegnet sie dem Sexuellen grundsätzlich mit Offenheit und Verständnis. Destruktiven Form des Umganges mit der Sexualität, gerade auch im Rahmend er Kirche, hält und hielt sie ihre Offenheit gegenüber. Eine Offenheit die gerade in der Tiefe ihrer Haltung ein Wegweiser für alle Beteiligten sein kann. Für ihre Kirche, die Angst vor dem Sex zu überwinden und für die hedonistische Welt, den Wert der Sexualität im Rahmen gelingender Beziehungen nicht durch eine sexuelle Inflation zu entwerten.

Florian Neuhann versteht es, seine Großtante in ihrer ganz eigenen Art zu Worte kommen zu lassen und legt mit seinem Buch nicht nur die Entwicklung seiner ganz persönlichen Beziehung zu Theodula vor, sondern versteht es, die lebensklugen Haltungen dieser Frau in ihrer Entstehung aus einem prallen Leben heraus darzustellen.
So vermögen es die Einsichten und Weitsichten Theodulas , zu berühren und bedenkenswerte Impulse für das eigene Leben in den Raum zu setzen. Ihre Haltungen vermitteln sich mit der Kraft eines konsequent gelebten Lebens und ihre Gedanken sind vielfach ein bereicherndes, eigenes Betrachten wert.

 

M.Lehmann-Pape 2010