Gerd Ludwig – Sleeping Cars

 

Absolut faszinierende “Road-Show“

 

Auf diese Idee muss man als Fotograf erst einmal kommen. Nicht einfach nur Autos aller Fabrikate und Formen zu portraitieren, sondern im Kontext der „schlafenden Autos“ in jeder einzelnen der eindrucksvollen Fotografien eine Art „Kulturschau“ der Beziehung zwischen Mensch und Natur und / oder Mensch und Auto so in Szene zu setzen, dass der Betrachter bei jedem einzelnen der Bilder grundlegendes entdeckt, immer wieder und tiefer neue Aspekte des jeweiligen Portraits findet und somit einerseits je lange beim einzelnen Bild verweilt und andererseits immer wieder zu den einzelnen Motiven zurückkehren kann, um immer wieder neu wirken zu lassen und weitere Details neu zu entdecken.

 

Dieser alte, gut gepflegte, dennoch schon selbst mit etwas Patina versehene VW-Käfer am „Ende der Strasse“ oder „am Rande des Grundstücks“ (man kann der Fantasie freien Lauf lassen) direkt vor einem in voller Pracht, fast überwuchernd stehenden Wald.

 

Einerseits mit der Perspektive eines Fremdkörpers versehen, als Bruch in der Natur, als künstliches Gestalten des Menschen. Andererseits fügen sich die runden Formen des Fahrzeugs fast organisch mit ein, so dass vor den Augen des Betrachters nicht nur diese Szene sich abspielt, sondern die Gedanken weiter nach vorne laufen und bildlich schon das demnächst vielleicht überwucherte und in den Wald mit hineingenommene Fahrzeug entsteht.

 

Eine Verbindung zwischen üppiger Natur und menschlichen Maschinen, die auf vielen der Fotografien eine Rolle spielt, die teils auch krasse Gegensätze hervorruft, wenn ein futuristisch wirkendes „Muscle-Car“ durch die von Ludwig gewählte Perspektive fast in einem Busch parkt.

 

Aber nicht nur die Brüche, Reibungen zwischen Maschine und Natur sorgen für Spannung in den Bildern, auch die tiefe Ruhe, die Ludwig bestens jeweils einfängt. Denn wenn die Autos „schlafen“, dann ist oft auch Zeit, dass der Mensch schläft, dass Dämmerung, Leblosigkeit mit im Raume steht.

 

Wie dann der Umgang mit „dem Liebhaberstück“ sich gestaltet, wenn Autos sorgsam unter schützenden Hüllen und Umhängen „gelagert“ werden, dass ist eine weitere Motivreihe, die sich im Bildband findet und die, natürlich, deutlich mehr über den Besitzer und Benutzer der Kraftfahrzeuge aussagt, als über deren „Eigenleben“ und Formen.

 

Die amerikanische Fahne wehend im Wind, die Garagen fest verschlossen, der fabrikneu wirkende Kleinwagen sorgsam abgedeckt eben gegen jene Natureinflüsse, die auf anderen Bildern das Zentrum bilden. Bis hin zu den eher fast achtlos abgestellten Fahrzeugen mit verschlissener, defekter Folie nur notdürftig „an den Rand“ gestellt.

 

Und, einige Seiten Später, der auf Hochglanz polierte, lang- und längergestreckte amerikanische „Traumwagen“, dem man die gesamte Liebe seines Besitzers in jedem glänzenden Mettalteil ansieht. Amerikanische Oldtimer mit ihren Flügelkotflügeln, mit ihren Stoffdächern, mit ihrem verschwenderischen Aufwand an Stahl, Metall, Aluminium, die auf einigen der Bilder mit der verschwenderischen Pracht von Parks und Naturlandschaften konkurrieren, die einerseits die natürliche Schönheit der Natur ins Bild bannend und dazu die Ästhetik des Menschen dokumentieren, der eben nicht nur immer auf Funktion setzt, selbst bei „funktionalen Maschinen nicht“.

 

Auch dies gelingt Ludwig wunderbar, den teils „innige Beziehung“ zum Automobil in den Formen desselben und im Umgang mit ihm Ausdruck zu verleihen. Ohne die andere Seite, die heruntergearbeitete, ungepflegte, mit Dellen und Schrammen versehenen „Nutzfahrzeuge“ ins Bild zu rücken als Metapher für den ebenso hart arbeitenden „Arbeiter“, der das Auto nur als „Werkzeug“ benutzt. Bis hin zum abspult zerlumpten, mit ebenso völlig zerlumpter Abdeckung versehenem „Schrott“ wie es auf den ersten Blick wirkt.

 

 

Ein fesselndes, tief emotionales, kulturell vielfältiges und das das Verhältnis von Mensch, Maschine, Natur, Ästhetik, Freude am Gefährt und auch Achtlosigkeit all diesem gegenüber bestens widerspiegelndes Bilderlebnis besonderer Güte.

 

M.Lehmann-Pape 2016