C.H.Beck 2012
C.H.Beck 2012

Gerhard Schulz - Novalis

 

Eindrucksvolle Biographie zweier „Naturen“

 

Schon Titel und Untertitel des Buches verdeutlichen den Weg, den Gerhard Schulz, Professor für deutsche Sprache und Literatur im Buch zu gehen gedenkt.

 

Einerseits Werk und Schaffen des Dichters  Novalis fundiert und im Lebenszusammenhang dem Leser vor die Augen zu führen, andererseits das „eigentliche“ Leben des Mannes Friedrich von Hardenberg nachzuvollziehen. Ein „alltägliches“ Leben, welches auf den ersten Blick in seinen Vollzügen und seinem Beruf so gar nicht eine Verbindung zu dem Dichter offen vor Augen legen würde, der als Inbegriff der Romantik seinen Namen verewigt hat. Der aber eben nicht nur als Dichter sondern als ganze Person, als Friedrich von Hardenberg feinfühlig und fast ätherisch schwebend seiner Geliebten hinter her zu sterben gedachte. Der nun nicht ursächlich aus diesem Wunsch heraus starb, dennoch aber keine 30 Jahre alt wurde, berufliche Ambitionen im Blick auf den sächsischen Staatsdienst nicht mehr umsetzten konnte und als Dichter nur wenige Jahre der Schaffenskraft erleben durfte.

 

Nicht nur im Werk, auch in der Kürze seines Lebens, auch in den äußeren Gegensätzen zwischen Alltagsleben und Dichtung liegt eine Faszination an der Person, welche die Jahrhunderte spielend überdauert hat. Faszination für „Novalis“, für das ätherisch abgehobene, feinfühlige, romantische des Dichters, der „Schmetterlinge lachen hörte“, weniger aber für jenen Friedrich von Hadenberg, der als Beamter, als Bergbauingenieur seinen Alltag durchaus bestanden hat und auch in dieser Hinsicht weitere Pläne verfolgte, die nur durch seinen Tod einen plötzlichen Abbruch erfuhren.


Es gibt sie aber, die Verbindungslinien zwischen beiden „Existenzen“. Es sind nicht „zwei Seelen“ die in einer Brust konkurrierten. Aber man muss schon genau hinschauen, um das eine im anderen zu erkennen und den Dichter aus dem Alltagsleben heraus mit ableiten zu können. Gerhard Schulz schaut genau hin und ist in der Lage, diese Verbindungen aufzuzeigen, indem er das Leben des Friedrich von Hardenberg biographisch nachzeichnet.

 

„Des Dichters Reich sey die Welt in den Focus seiner Zeit gedrängt“.

Weite und konkretes Leben gehören beide hinzu, aus dem konkreten Alltagsleben heraus die Weite suchen und den Himmel berühren, schwerelos fast, das ist der Weg des Dichters Novalis, zu dessen Lieblingsworten jene umfassende „Welt“ und das „Universum“ zählten.

 

Eine Welt, die von Hardenberg selbst kaum in Person erlebt hat. Geographisch, auch dies legt Schulz fundiert nach in seinen Folgen, hat von Hardenberg die „deutsche Mitte“ nicht verlassen, wohl aber dichterisch ganz andere Weiten innerer Welten sich erschlossen. Schon zu Jugendzeiten brechen Dichtungen heraus, versucht sich Novalis in gängiger Form an Umdichtungen und Übersetzungen. Eine geahnte Schaffenslust und Schaffenskraft, die tatsächlich durch den Tod seiner jungen Geliebten dann erst einen eigenen Ton, eine eigene Kraft, eine eigene „Schwärmerei“ entfaltet.

Auch diese „Geburtsstunde“ des „Novalis“ (auch wenn diese Namensfindung und Namensgebung noch fast ein Jahr auf sich warten lassen wird) vollzieht Schulz im Buch einsichtig und fundiert nach. Ein Pseudonym, das nicht in erster Linie einen Gegensatz in der Persönlichkeit betont, sondern zunächst sicherlich auch und vor allem als Schutz gedacht war, dem „ehrbaren Beamten von Hardenberg“ nicht den nötigen Respekt zu verweigern, denn diese „zivile“ Existenz war keine Last, sondern durchaus auch Lust für von Hardenberg.

Hervorragend stellt Schulz diesen Gegensatz zwischen „nüchternem Beruf“, den von Hardenberg mit Leidenschaft durchaus ausübte und dem Poeten und Dichter Novalis dar, welcher er mit ebensolcher „Lust und Hingabe“ war.

 

Gerhard Schulz legt eine chronologisch geordnete, fundierte Biographie des Friedrich von Hardenberg und des Novalis vor, in der er vermeintliche Widersprüchlichkeiten beider Personen in eben doch eine gesamte Person hinein erläutert, den Lebensweg im bürgerlichen Beruf und im dichterischen Werk nachvollzieht und sprachlich einprägsam und verständlich so ein Gesamtportrait dieses idealtypischsten aller Romantiker überzeugend darstellt. Ein Portrait, dass auch allgemein aufzeigt, wie verschiedenste Neigungen und Interessen Platz in einem Leben finden.

 

 

M.Lehmann-Pape 2012