Klett-Cotta 2016
Klett-Cotta 2016

Interessante Vielfalt

 

Was alles so geglaubt wird, glaubt man kaum. Schon fremde Kulturen mit ihren „Weltreligionen“ kommen dem unbedarften Betrachter ja bereits ein stückweit eben fremd, in Teilen abschreckend, in Teilen höchst merk-würdig vor.

 

Wie Hamlet ausruft: „Es gibt mehr Ding´ im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt!“.

 

Und Gideon Böss, an sich theoretisch durchaus an der Religion als solcher interessiert, in guter Weise aber praktisch wenig „hinein gekommen“, geht mit der nötigen Distanz in seinen Selbstversuch hinein. Religionen und Götter näher kennen zu lernen.

 

Freikirchen, Sekten, Druidenzirkel (ja, die gibt es nicht nur im Gallien des Asterix) und noch mehr an „Angeboten für die Seele“ schaut sich Böss näher und. Vielleicht ist ja doch etwas für ihn dabei?

 

Vielleicht bei „Station 14“, den „Lahore-Ahmadiyya“? In der ältesten Moschee Deutschlands (aber bei Weitem keine der gut besuchten), eine Moschee mit indisch-pakistanischen Wurzeln zur „Überlegenheit des Islam“. Mit (fast mag man sagen, natürlich) „direktem“ Kontakt des Gründers dieser Bewegung im Islam zu Allah. Mit der Richtung eines geistigen, sittlichen und moralischen Triumphes (weit weg vom Dschihad somit).

 

Allerdings, das auf so manche Nachfrage lapidar geantwortet ist „weil das so ist“ ist nun nicht wirklich befriedigend. Aber vielleicht findet sich bei anderen Strömungen des Islam ein mehr an Antwort und spiritueller Offenbarung?

 

Oder beim Judentum, den Manichäern, den Bahai. Oder bei den charismatischen Christengemeinden (die zu den am schnellsten wachsenden christlichen Gemeinschaften weltweit zählen).

 

„Sei bereit für die nächste große Erweckung. Wie wir in Gottes Dimension eintreten können. Die Pläne des Himmels enthüllen- Die alltäglichen Wunder Gottes empfangen“, so die Untertitel der ausliegenden Schriften und so, geschickt von Böss formuliert, auch die „Untertitel“ der Botschaften der Gemeinde an sich. Die mit „“einer Mischung aus Kirchenlied und Sommerhit“ ihre „Supernatural Heilungskonferenz“ eröffnet. Dumm nur, dass sich ein hartnäckiger Ischias-Nerv ebenso hartnäckig der „Heilung“ widersetzt. Was den Pastor zumindest nicht wirklich aus dem Konzept bringt. Den Autor aber doch nicht letztendlich überzeugt.

 

Dann doch lieber vielleicht die Pius-Brüder, die nicht ganz so laut und auf Show getrimmt ihren Glauben standfest leben und vertreten. Womit sie sich beim Thema der Homosexualität sicher mit so manchen ev. Freikirchen treffen, die Böss besucht (und eben diese Frage nach der sexuellen Orientierung nicht ausklammert).

 

Wobei das mit der Hölle (die Heilsarmee) eine ebenso interessante Frage darstellt.

 

Schon die 26 Stationen, die Gideon Böss diesem Buch zugrunde legt zeigen auf (und der verzichtet weitgehend auf die „esoterische Szene), wie vielfältig, einander ausschließend, eigen und zum Teil auch überaus fantasiereich Glaubensvereinigungen in Deutschland sind.

 

Vor allem aber wird, eher indirekt durch die gesamte Lektüre hindurch, immer deutlicher, dass jede einzelne der Glaubensgemeinschaften (vertreten je durch eine leitende Person, die Gideon Böss interviewt), teils mehr als felsenfest, die „eigene Sache“ als „einzig Richtige“ behauptet. Und sich in diesem Weltbild argumentativ gegen alle möglichen Einwände und Anfragen eingearbeitet, abgegrenzt und eingekapselt hat.

 

Dieses „sich nicht in Frage stellen lassen“ (trotz Aller „Fairnis“ gegenüber anderen Glaubenshaltungen, die Böss begegnet) ist das letztlich erschreckende an diesem sehr lesenswerten, sehr sachlichen, teils mit aber auch mit einem angenehm ironischen Unterton versehenem Bericht. Und einem abschließenden Fokus auf ein „Qualitätsmerkmal“, das gar nicht genug gewürdigt werden kann. Sind Zweifel erlaubt? Das ist, so Böss, die Gretchenfrage der Religionsgemeinschaften. Und da sieht es nicht sonderlich frei aus bei den meisten der von ihm besuchten Gruppen.

 

 

M.Lehmann-Pape 2016