Kiepenheuer&Witsch 2014
Kiepenheuer&Witsch 2014

Giovanni di Lorenzo - Vom Aufstieg und anderen Niederlagen

 

Interessante, intensive Gespräche aus Jahrzehnten der Interviews

 

Nicht nur führt di Lorenzo seine Gespräche im Kontext seiner Talkshow "Drei nach Neun".

Auch wenn sich dort Menschen "die Klinke in die Hand" gaben und geben, die etwas Besonderes erlebt, mitzuteilen, geleistet haben oder in den Augen der Öffentlichkeit einfach von aktuell hohem Interesse sind.

 

Noch intensiver (allein durch das Format vorgeben) entfalten sich di Lorenzos Interviews im Print Bereich oder im direkten, medialen Kontakt mit nur einer Person (statt einer ganzen Runde, wie in der Talk-Show).

 

Eine Intensität, die sich in den hier aus drei Jahrzehnten gesammelten ausführlichen Interviews spürbar entfaltet.

 

Neben den "Aufstiegen" seiner Gesprächspartner, welche di Lorenzo durchaus "mit ins Gespräch nimmt", besitzt der Journalist nämlich durchaus die Gabe, immer wieder ein stückweit vom Kern der Persönlichkeit des Gegenübers aufblitzen zu lassen, heraus zu fragen. Und den Kern einer Person sieht man sicherlich am deutlichsten in den Krisen des Lebens. Den Niederlagen. Dem Umgang mit Fehltritten oder Schlägen des Schicksals.

 

Wie bei Monica Lierhaus, jener jungen, attraktiven "Senkrechtstarterin" des Fernsehens, die durch eine Krankheit auf eine fast basale Ebene zurückgeworfen wurde und sich Schritt für Schritt ihr gesamtes Leben und ihre biologischen Funktionen wieder erarbeiten musste. Zum Teil im Übrigen nicht ohne Kritik seitens des Publikums und manch Verantwortlicher in den Sendern.

 

Einer der intensivsten Gesprächsmomente im Übrigen im Buch, wenn Lierhaus erzählt, wie es ist, wenn man mit aller Kraft wieder auf die Beine gekommen ist und dann noch öffentliche Kritik plötzlich zu ertragen hat. Etwas, was sie vorher nicht kannte und nun doppelt trifft.

 

Daneben der händeringende Theodor von Guttenberg, souverän in seiner äußeren Maske. Ein Interview, das hohe Wellen schlug auch für di Lorenzo selbst und das er im Buch nicht unterschlägt. Ein Interview , in dessen Verlauf fast schmerhaft Satz für Satz deutlicher wird, wie hier einer seine gesuchte und gewollte gesellschaftliche Rehabilitation verspielt.

 

Aber auch Boris Becker aus dem Jahre 2002 hat sein Image bereits durch eine Reihe privater Affären angekratzt, das Interview selbst fand mitten in der laufenden Steueraffäre des ehemaligen Tennisspielers statt. Sicher ein eloquenter, gut vorbereiteter Gesprächspartner, der bestmöglich sein "Image" zu vertreten verstand und versteht. Und doch blitzt hier und da das Innere mit auf. Eher indirekt, aber erkennbar:

 

"Diese unmenschliche Erwartungshaltung kann niemand erfüllen". Und demgegenüber die Betonung Beckers der Vorteile des Alterns (und damit Herauswachsens).

"Man ist häufiger so, wie man wirklich ist, man nimmt weniger Rücksicht".

Und sei es um den Preis in späteren Jahren, als Karikatur seiner selbst wahrgenommen zu werden.

 

Klare Interviews, klare Fragen, nicht bedrängend und doch dem Kern des anderen hinter her spürend, di Lorenzo gibt mit seiner Art und seiner professionellen Vorbereitung und Durchführung von Gesprächen und Interviews auch in diesem Buch immer wieder die Chance, hinter die vorgefertigten Aussagen des anderen und seiner geplanten Selbstdarstellung zu blicken. Von (echt, aber nicht peinlich wirkenden Tränen beim aktuellen Bundespräsidenten bis hin zur nur vermeintlich glatten Fassade eines Theodor zu Guttenberg).

 

Von der Künstlerin über den Schauspieler zum Verleger bis hin zur "verwundbaren Radikalen" Petra Kelly, deren Dünnhäutigkeit erlebbar wird ist es eine Freude, den Gesprächen im Buch als "Nachgang" zu folgen.

 

Mit professioneller Distanz, ohne in Form eines "sich Aufdrängens" oder in Form eines "Draufschlagens" zu nahe zu rücken gelingt di Lorenzo in diesem Blick über drei Jahrzehnte von Interviews eine spürbare Authentizität auf je beiden Seiten der Gespräche.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014