Siedler 2016
Siedler 2016

Gunnar Decker - Franz von Assisi

 

Detaillierte Biographie unter breiter Einordnung in den historischen Kontext

 

Einerseits ist da der Mann Franziskus von Assisi, der am Ende sich von seinem „Orden“ zurückzog, der bis zu seinem Tode die absolute Einfachheit und Zuwendung zu Gott und seiner Kreatur wohl radikal lebte.

 

Und auf der anderen Seite ist die, sehr geschickte, Vereinnahmung des Mannes und damit „Zähmung“ seiner sozialrevolutionären Ideen und Haltung durch die „Amtskirche““ seit Jahrhunderten (und schon zu Lebzeiten des Franz) am Werk, um einerseits die Aura und das Charisma des Mannes für sich zu nutzen, ohne die an den Fundamenten der weltlichen Seite der Kirche rüttelnden Inhalte wirklich aufzunehmen. Nicht nur ein wenig hat die Amtskirche diesem Franziskus, seiner fast messianischen Beliebtheit über das regionale Umfeld hinaus und seiner auch provozierenden Haltung „die Zähne gezogen“.

 

Immerhin nicht im Sinne der Ketzerei, wie es den Katharern und Waldensern erging.

 

Doch wer das Innere der Basilika in Assisi betritt, wer allein den Prachtbau von außen sieht und dann die verschwenderische, fast überladen wirkende Ausstattung im Inneren, der sieht mit eigenen Augen, wie aus dem „ganz anderen“ Weg des Franziskus nun ein Teil der traditionellen katholischen Amtskirche geworden ist. Wobei es eine hohe Symbolkraft besitzt für die Gesamtschau dieses Lebens, wie die kleine, schmucklose Kapelle mitten in der Basilika anzuschauen ist.

 

Wobei ebenso klar ist, dass gerade der Bezug des aktuellen Papstes in seiner Haltung und schon seiner Namenswahl verdeutlicht, dass die Kerngedanken des Franziskus von Assisi bis heute durchaus bewegend und mit Veränderungspotential vorhanden sind.

 

Eine Spannung, die durchaus schon in der Person des Bettelmönches selber angelegt ist. Denn, anders als andere Reformbewegungen und durchaus in Kenntnis der Missstände in „seiner“ Kirche wollte Franziskus verbunden bleiben (und blieb es auch). Wie schon die Reise zu Beginn der Ordensgründung nach Rom zeigt, wo Franziskus die Erlaubnis des Papstes zum „neuen Weg der minderen Brüder“ einholen wollte (und bekam).

 

„Franz von Assisi war kein Fanatiker. Er zügelte den Rebellen in sich, weil er wusste, ungerechte Verhältnisse ändern sich nur, wenn sich die Menschen ändern“. Und das geht besser „von innen“ als „von außen“. Mit der Folge eben, als Person in den letzten Lebensjahren den inneren Konflikt sehen und ertragen zu müssen. Zwischen seinem „Ideal“ und der „realen (Kirchen-) Welt“.

 

Wie aber kam es überhaupt zu jener Wandlung im Leben des Franz von Assisi? Welche anderen Reformströmungen haben ihn beeinflusst?  Was ist dran an so manchen Legenden, von den „Dreigefährten“ bis hin zu den „Stigmata“?

 

Beim Anfang beginnt Decker und geht doch über eine reine äußere Beschreibung von Beginn an weit hinaus. „Vom Anfangen“ erhellt eben auch die inneren Entwicklungen, erzählt breit und flüssig von der Atmosphäre der Zeit, von der „neuen Religiosität der Städte“, von einer Zeit, in der „Umschwung“ in der Luft lag, individuelle Formen entstanden und die „harte Hand“ der Kirche zu spüren bekamen.

 

Eine „Härte“, die auch innere Spannungen hervorrufen sollte im neuen „Orden der Minoriten“, bis hin zur Spaltung des Ordens 1517. Und in der inquisitorischen Wendung von „Franziskanern gegen Franziskaner“. Ein bis heute bestehender Hohn auf das, wofür Franziskus stand und steht.

 

 

Interessant und kenntnisreich erzählt Decker die Lebensgeschichte, aber auch die Folgegeschichte der Wirkung dieses Lebens, erläutert die Adaption des „Heiligen Franziskus“ in innere Spannung zu den Idealen des „realen“ Franziskus und zeigt die Linien des Glaubens des Mannes aus Assisi bis hin die Befreiungstheologie Lateinamerikas auf und erstellt so, trotz dürftiger Quellenlage, ein „rundes“ und lesenswertes Bild des Lebens und der Wirkung des Franziskus von Assisi.

 

M.Lehmann-Pape 2016