C.H.Beck 2011
C.H.Beck 2011

György Dalos – Gorbatschow, Mensch und Macht

 

Politik und Persönlichkeit

 

Eine Vielzahl von Veröffentlichungen ist bereits um den Politiker Gorbatschow, seinen entscheidenden Beitrag zur Beendigung des kalten Krieges und die Folgen jener geschichtlich umwälzenden Ereignisse für die Welt und seine Person erschienen.

 

György Dalos setzt nun einen neuen Akzent in die Vielzahl der Veröffentlichungen hinein. Dieser findet sich allerdings weniger im systematisch chronologisch aufgebauten Hauptteil seines Buches (immerhin gut 170 der 275 Seiten befassen sich mit der aktiven Politik, der innersowjetischen Probleme vom wirtschaftlichem Niedergang bis hin zu Tschernobyl, endend mit dem „deutschen Finale“ der Wiedervereinigung).

 

Besonders interessant gerade für den westlichen Leser ist die Vorgeschichte des führenden sowjetischen Politikers seiner Zeit und ebenso seine letzten Handlungen als führender Politiker, durchaus im Blick des genau und mit interessanten Details  aufwartenden Blicks des Autors.

An Gorbatschow erinnert man sich gut, an Jelzin ebenso, aber was genau ist in dieser kurzen Zwischenzeit der Machtübergabe an Jelzin passiert? Welche Hintergründe führten zur Auflehnung einflussreicher Kreise gegen Gorbatschow? Wie ein Wirtschaftskrimi lesen sich die Einlassungen über den inneren Kampf der zerfallenden Großmacht, ein Kampf, der am Beispiel Litauens und der gesteuerten militärischen Intervention durchaus auch an Gorbatschow vorbei von einflussreichen Führen der russischen Republik geführt wurde. Wie sehr Gorbatschow zwischen den Fronten auch doppelzüngig lavierte, zeigen Aufzeichnungen eines Telefongespräches mit George Bush sen. in jenen krisenhaften Tagen. Oft wird im Anblick des „freiheitlichen“ Gorbatschow dessen Machtbewusstsein und politisches Kalkül vergessen.

 

Seiten an Gorbatschow, die im ersten Teil des Buches in Teilen offengelegt werden. Gut 50 Seiten, auf denen Dalos die Entwicklung und Prägungen auch des Machtmenschen Gorbatschow nachvollzieht, der in der Heimat zumindest weder als Messias im Vorfeld gefeiert wurde noch als Lichtgestalt in der Erinnerung da steht.. Eines Machtmenschen, der in seinen letzten Tagen als politischer Führer von Jelzin und anderen  durchaus hingehalten, entzaubert und in Teilen auch öffentlich gedemütigt wurde.

 

So gelingt es Dalos, ein durchaus differenziertes Bild Gorbatschows im menschlichen und machtpolitischen bereich zu zeichnen, eben so vollzieht er akribisch die Stationen seines politischen Lebens nach.

Bedauerlicherweise findet sich der Blick auf den Menschen Gorbatschow in den späten Jahren  nur spärlich im Buch. Konnte zu Beginn der Karriere noch die persönliche Konsumorientierung und die Lust am „guten Leben“ des Ehepaares Gorbatschow noch deutlich aus den Zeilen herausgelesen werden, versandet die Privatperson Gorbatschow zum Ende des Buches hin stark hinter den politischen Ereignissen und Grabenkämpfen der neuen, russischen Führung. Auch der Epilog beschränkt sich auf einige wenige Zeilen über Gorbatschows Tätigkeiten seit seiner Demission.

 

Flüssig und verständlich geschrieben mit einer Reihe auch kritischer Blicke auf den Mann und seinen politischen Weg bietet Dalos ein durchaus rundes Bild des Politikers Gorbatschow und zumindest den ein oder anderen Einblick in das Wesen dieses einflussreichen Menschen. Im Gesamten zwar mehr Macht als Mensch, dennoch lesenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2011

György Dalos

 

György Dalos, 1943 in Budapest geboren, lebt heute als freier Schriftsteller in Berlin. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter 1995 der „Adelbert-von-Chamisso-Preis“, 2000 die „Goldene Plakette der Republik Ungarn“ und 2010 der „Preis der Leipziger Buchmesse für Europäische Verständigung“.
(Quelle: C.H.Beck Verlag)