C.H.Beck 2016
C.H.Beck 2016

Hans Woller – Mussolini

 

Fundiert, informativ, flüssig verfasst

 

Man kann sich des Eindrucks oft nicht erwehren, dass Benito Mussolini dauerhaft im Schatten des anderen „Führers“ verbleiben wird. Und dies sicher zurecht im Blick auf den „Wirkgrad“ des Mannes in politischer, kriegerischer und, vor allem, zerstörerischer Kraft und Auswirkung des Wirkens.

 

Dennoch gilt festzuhalten, und dies vollzieht Woller in bester Weise, Mussolini war tatsächlich der „erste Faschist“, eine Art Blaupause, von der Hitler nicht wenig zunächst „sich kopiert“ hat. Dass der Begriff „Faschismus“ selbst von Mussolini geprägt wurde, was vielfach gar nicht mehr unbedingt im Bewusstsein verankert ist.

 

„Der Führer“, angeleitet von „Il Duce“, Mussolinis Selbstbezeichnung als „Der Führer“ weit vor Hitler. Die „schwarzen Uniformen“, die Wirkungen von Massenaufmärschen und rigider Sprache, das selbst verliebt wirkende Pathos lauter Stimmen, das Gebrüll, alles schon vor 1933 vorhanden gewesen, vorgemacht worden, versucht worden.

 

Ob nun aber Mussolini als die Figur rundweg bezeichnet werden kann, welche die „totalitäre Massendiktatur“ erfunden hat, mag dahingestellt bleiben angesichts der Caesaren und der Sowjetunion eines Stalin jener Zeit, durchaus aber war es Mussolini, der den Faschismus im „kulturellen Westen“ etabliert und durchgesetzt hat, der mit inszenierter „kraftstrotzender körperlicher Männlichkeit“ die Massen versuchte, zu beeindrucken (lange zunächst erfolgreich), wie man es auch heute noch von dem ein oder anderen politischen Führer eines Landes ja wieder erlebt.

 

Chronologisch, sorgfältig und sehr flüssig im Stil geht Woller dem Mann und dem Programm nach. Die Entwicklungen der jungen Jahr, die politischen Linien, die Mussolini zunächst für sich annahm und denn (ver-) formte, Machtergreifung, Diktatur, die öffentliche Person und die privaten Entscheidungen bis hin zum Sturz und zum überaus schmählichen Tod an jener Tankstelle, alle Stationen des Lebens Mussolinis finden sich ebenso detailliert im Buch, wie die dazugehörigen inneren Entwicklungen und jeweiligen „Standorte“ samt der äußeren „Gemengelage“, die sich erkennbar mehr und mehr gegen den Faschismus kehrte, deutlich früher, als es in Deutschland der Fall war.

 

So gelingt es Woller Schritt für Schritt, die vielen Bilder Mussolinis zu hinterfragen, den Despoten vom Erneuerer abzugrenzen, das Charisma des Manne offenzulegen und ihn bei Weitem nicht als eine „Marionette“ Hitlers zu verorten, sondern als skrupellosen Machtmenschen, der 23 Jahre lang mit eiserner Faust vor allem die eigene Macht und den eigenen Epos zu zementieren trachtete.

 

Eine Vielzahl von Bildern im Übrigen, die ihn bereits zu seiner „aktiven“ Zeit schon scher fassbar machten, auch für das eigene Volk und die eigene Umgebung. Bis hin dazu, dass der exzessive Antisemitismus und der Wille, einen „neuen (arischen) Menschen zu schaffen“, der ihn zum „Lehrmeister“ Hitlers machten und mit diesem intensiv nah in der Gedankenwelt verband, eben nicht im kollektiven Gedächtnis so stark verankert ist, wie die „Rassenlehre“ des dritten Reiches.

 

Gut ist es dabei, dass Woller sich nicht im kleinsten verliert, sondern jeweils in den einzelnen Entwicklungsschritten und Charakterseiten Mussolinis die großen Fäden im Blick behält, den „Kern“ und die „wichtigsten Merkmale“ herausarbeitet und in den jeweiligen äußeren Umständen sichtbar werden lässt. Bis hin zu seinem „Moltofill“ des Lebens (zumindest des inneren Lebens), den Frauen. So schält sich auch auf dieser intimen Seite Mussolinis eine gewisse kleingeistige Sucht nach einfacher Dominanz heraus, gespeist aus einer greifbaren Unsicherheit, was die eigene Stärke und „Potenz“ anging.

 

Eine innere Ausrichtung, die jene „Blindheit“ und Fixierung nach sich zog, in deren Folge alle Signale der Veränderung, alles am Horizont erscheinende Scheitern bis zuletzt von Mussolini nicht gesehen werden wollte und konnte.

 

 

Ein sehr treffendes Portrait, das, lebendig erzählt, Mussolini greifbarer in den Raum treten lässt, das ihn als „älteren, aber kleinen Bruder Hitlers“ differenziert verortet und fundiert die Lebens- und Leitlinien des „Duce“ nachvollzieht und vor Augen führt. Mit einer kurzen, aber ebenso lesenswerten Standortbestimmung des „Erbes“ Mussolini im Lauf der Jahrzehnte in Italien.

 

M.Lehmann-Pape 2016