C.Bertelsmann 2012
C.Bertelsmann 2012

Harald Martenstein – Wachsen Ananas auf Bäumen?

 

Vater Sein im Alltag der vielen Fragen

 

„Ich will kein Monlopopi, ich will fernsehen!“.

 

Sagt das Kind, das endlich im Brettspielalter angekommen ist. Doch nichts da. Fernsehen soll es sein. Ein eiliger Vertrag handelt aus, dass das Kind fernsehen darf, wenn es die Runde Monopoly gewinnt. Was natürlich für ein siebenjähriges Kind gegen solch harte, elterliche Konkurrenz nicht möglich ist. Der Weinkrampf ist vorprogrammiert. Was zur Kapitulation des Vaters führt. Was umgehend zu grundlegenden Fragen der Demokratie führen wird, denn es ist Wahltag in Berlin und „das Kind“ hegt hohe Sympathien gegen die SPD (eher unbekannterweise, sei dazu gesagt, aber vielleicht ist auch nur der Vater Vorbild?).

 

„Wir haben ihm zu früh zu viel beigebracht“, ist die ironisch selbstkritische Erkenntnis des Zeit-Kolumnisten Martenstein, aber da kommt er jetzt nicht mehr heraus. Vor allem nicht, als „das Kind“ im Wahllokal lauthals allen verrät, dass der Vater SPD gewählt hat.

 

Das aber ist nur eine Art von „Warmlaufen“ für so manche durchaus diffizile  Themen, die dem Kind mitsamt seinem Vater in Berlin noch begegnen werden. Die Erläuterung des Christopher Street Days zum Beispiel setzt doch gehörige Portionen an (innerem) Schweiß beim Vater frei, angesichts der Fassungslosigkeit des Kindes im Sichten der als Frauen verkleideter Männer.

 

Natürlich ist Martenstein ein moderner, politisch korrekter Vater, natürlich erläutert und erklärt er seinem Kind die Dinge auch aus der Erwachsenensicht und natürlich schildert er im Buch unverblümt, dass die Welt des Kindes doch eine andere ist. Denn das Kind würde sich schämen, als Mann Frauenkleider zu tragen und Martenstein bleibt nichts anderes als die Versuche aller Eltern in peinlichen Situationen. Ablenken, ablenken, ablenken.

 

„Diese ganze Stadt will unentwegt Spaß haben. Wie soll man da Kinder großziehen?“.

 

Computer und Elite, Fernsehen und Fußball, Geld, Gene, Gott, Insekten, Störche , Weihnachten und dann später, als die Pubertät Einzug hält beim Sohnemann, kommen Handys, Rauchen, Porno genauso hinzu wie Schindlers Liste.

 

Harald Martenstein verlässt der Humor nicht, das ist bei all den Irrungen und aufrechten Versuchen der „Welterklärung“ schon einmal ein großer Vorteil. Mit ironischer Distanz schildert er die Vielzahl der Themen, und versäumt es auch nicht, immer wieder hintergründig so manche Verrücktheit und manche Merkwürdigkeit der „modernen und aufgeschlossenen“ Welt wie in einem Spiegel sich in den Augen seines Kindes widerspiegeln zu lassen. Nicht immer zum Besten der Welt, im Übrigen. Von der Geburt an bis fast zur Volljährigkeit begleitet Martenstein so im Buch die Jahre. Übrigens auch mit den „großen“ Themen für Väter. Loslassen lernen und Freigeben im Lauf der Jahre. Mit ein wenig Wehmut, natürlich.

 

Ein amüsanter, durchaus auch nachdenklich machender und die Welt widerspiegelnder „Reisebericht durch Kindheit und Jugend“ als Begleitung und Erziehung des eigenen Kindes ist es, den Harald Martenstein in je kurzen, knappen Kapiteln mit ironischer Distanz und doch spürbarem Engagement  vorlegt. Nicht nur für Eltern anregend und in der Sprache gut zu lesen.

 

M.Lehmann-Pape 2012